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“Ich bin heillos glücklich!“

ein Interview mit Björn Casapietra

 

- Tenor (5 CDs, u.a.: “Celtic Prayer“, “Verführung“ mit Halb-Bruder Uwe Hassbecker von der Rockgruppe Silly an der Gitarre) und Schauspieler (TV: “Nicht ohne meinen Anwalt“ (Serien-Hauptrolle), “Ein Fall für zwei“, “Traumschiff“, “Samt und Seide“, Rosamunde Pilcher: “Summer Solstice“, “Die Zeit, die man Leben nennt“ u.a.; Kino: “Der Dolch des Batu Khan“) -

 

Jahrgang 1970, geboren in Genua (Eltern sind die italienische Sopranistin Celestina Casapietra und der ostdeutsche Dirigent Herbert Kegel), wohnhaft in Berlin, unterstützt die Stiftung Bärenherz für schwerstkranke Kinder.

 

Sie waren dieses Jahr von Januar bis Juni auf großer Konzert-Tournee. Wie ist es Ihnen ergangen?

Gut. Das war die schönste und größte Tournee und das schönste und größte Erlebnis meines Lebens, weil ich mir selbst bewiesen habe, dass ich das durchhalte. Ich hatte ausnahmslos tolle Konzerte. Es gab nicht eines, das nicht gut war. Also, ich bin heillos glücklich.


Björn Casapietra's zweite Heimat ist Italien.
© Björn Casapietra
Björn Casapietra's zweite Heimat ist Italien.
Wie gehen Sie damit um, wenn es zum Beispiel kurz vor einem Konzert ist und es Ihnen einmal stimmungsmäßig nicht so gut geht, vielleicht haben Sie gerade eine schlechte Nachricht bekommen oder sich über etwas geärgert – gibt es da ein Ritual oder irgendetwas, das Sie dann machen, damit Sie sozusagen wieder die Kurve kriegen und sich auf das Konzert konzentrieren können?

Nein, das geht relativ einfach. Der Spaß, die Freude am Singen das reicht schon aus. Wenn Du Lust und Freude am Gesang empfindest, dann ist das eigentlich völlig ausreichend.
Manchmal geht ein Konzert los und man ist nicht so in der Stimmung, hat heute einfach keinen Bock, aber nach dem zweiten, dritten, vierten Lied ist das alles wie weggewischt. Dann überwiegt einfach die Parallel-Welt, die Musik, der Gesang, auf der Bühne zu stehen. Man ist da in dem Moment ein wenig aus der Realität weg. Man ist – genauso wie ein guter Schauspieler sich in seiner Rolle bewegt – in einer Parallel-Welt. Wenn es mir gelingt, all das Technische usw. wegzulassen, bin ich wirklich in einer Traumwelt, die sofort die Flügel um mich breitet und mich beschützt. Johnny Cash nannte das “Geborgenheit in einem Song“. Sich in dem Kokon eines Liedes wieder zu finden, ist so eine Form Geborgenheit.


Das ist ein schönes Bild. Heißt das also, Sie können auch alle Lieder im Prinzip immer singen oder sagen Sie manchmal in einer bestimmten Stimmung, nein also das kann ich heute nicht singen?

Das hat weniger mit meiner Stimmung zu tun, als mit dem Publikum. Wenn ich merke, das Publikum ist, sagen wir mal, etwas anspruchsvoller, dann spiele ich eben auch mal Lieder, von denen ich denke, dass sie mehr Tiefe haben, auch wenn sie nicht unbedingt bekannt sind oder nicht so die ’Reißer’. Man merkt ja genau, welche Stücke die Leute hören wollen und welche ihnen eher nicht ganz so zusagen. Und dann gibt es auch ein Publikum, wo man genau weiß, ja, die wollen nur die ’Reißer’ hören. Das stimmt man teilweise ganz spontan auf der Bühne mit den Musikern ab.


Wie ist es dann, wenn das Konzert vorbei ist, gerade hat das Publikum noch getobt, Adrenalin ist geflossen – welche Gefühle hat man da und was machen Sie so direkt nach einem Konzert?
Auf der Bühne in Potsdam mit Halbbruder Uwe Hassbecker.
© Björn Casapietra
Auf der Bühne in Potsdam mit Halbbruder Uwe Hassbecker.

Das ist immer ein Höhenflug. Da ist man immer auf Wolke 7. Das kann man nicht anders beschreiben. Man ist einfach nur glücklich, zufrieden und ausgeglichen, will nur noch ein Bier trinken und zusammensitzen, kurz: alles Mögliche machen, nur bloß nicht nach Hause gehen.


Sie schreiben auf Ihrer Website auch ein Tour- Tagebuch.

Ja, richtig, da können Sie eigentlich alles perfekt nachlesen. Ich schreib’ das meist unmittelbar noch unter den Eindrücken des Konzerts, gleich im Tourbus oder zu Hause, wenn ich nicht einschlafen kann. Dort erfahren Sie mehr über das, was auf der Bühne so stattfindet, als in jedem Gespräch. Picken Sie sich da mal ein paar Konzerte raus, dann haben Sie gleich alles verstanden.
(Unter www.casapietra.com  => Tour-Tagebuch)


Wenn Sie selbst auf ein Konzert gehen, wie z.B. zu Nick Cave dieses Jahr, sind Sie dann einfach nur Publikum wie alle anderen oder schauen Sie da schon genauer hin?

Das bin ich nicht. Ich bin immer mit dem Kopf und dem Geiste mit dabei und denke immer, wie jetzt auch bei Nick Cave, was kannst Du übernehmen, wie sieht das vom Publikum aus, wie kommt er auf die Bühne, wie cool ist er. Zum Beispiel habe ich mir ganz deutlich nach dem Nick-Cave-Konzert vorgenommen, anders auf die Bühne zu kommen, als ich das bis jetzt gemacht habe. Er ist da in einem Selbstbewusstsein, einem Selbstvertrauen auf die Bühne ’gelatscht’ und hat das Publikum fast links liegen gelassen. Das fand ich so cool, dass ich mir durchaus Dinge übernehme, das ist definitiv der Fall. Kein Konzert oder kein Auftritt geht an mir einfach nur als Hörer vorbei. Ich denke immer mit und ich überlege, was könnte man übernehmen, was gefällt mir nicht so etc.
Das ist übrigens auch bei Filmen so, dass ich immer wenn ich einen Film sehe, drauf achte, wie ist die Regie, was gibt’s für neue Ideen von der Kameraführung her, wie ist der Film angelegt und vor allen Dingen, wie spielt der Schauspieler, was für Tricks benutzt er, um diese Rolle auszugestalten.
Ich bin da im Kopf immer Mitarbeiter.


Auf Ihrer aktuellen CD “Verführung“ sind die Song-Texte im Booklet alle ausschließlich auf Deutsch, obwohl sie ja neben Deutsch auch auf Englisch, Italienisch und Spanisch singen. Gehen Sie also davon aus, dass es für die Käufer Ihrer CD wichtiger ist, den Text zu verstehen, als z.B. mitsingen zu können?

Richtig, das ist wichtiger. Um mitzufühlen, muss man die Texte verstehen.
Die Original-Texte gibt’s im Internet und das Problem ist einfach, dass das Booklet immer zu wenig Seiten hat. Die Plattenfirma wollte eigentlich, dass es nur acht Seiten sind. Jetzt habe ich wenigstens schon 16. Den Plattenfirmen geht’s  schlecht.
Deswegen konnte ich nicht alles unterbringen, obwohl ich es gerne wollte. Da ich also die Wahl hatte, entweder die Original-Texte oder aber die Übersetzungen, habe ich die Übersetzungen genommen, weil ich es wichtiger finde, dass die Leute wissen, wovon man singt.

Björn Casapietra mit seiner Mutter Celestina Casapietra
© Björn Casapietra
Björn Casapietra mit seiner Mutter Celestina Casapietra


Ich möchte jetzt noch mal etwas zurückblicken. Sie hatten einmal erzählt, dass Sie früher mit Ihrem Vater zusammen Weihnachtslieder gesungen haben und Ihnen das aber nicht so wirklich Spaß gemacht hat. Gab’s dann ein Schlüsselerlebnis, dass Sie doch noch zu der Lust zum Singen gekommen sind?

Das hat nur dann keinen Spaß mehr gemacht, als ich in den Stimmbruch kam. Im Grunde ist das sozusagen der Ursprung gewesen, dass ich merkte, wie toll das ist, wenn man vor Publikum Weihnachtslieder singt. Ich war am Anfang wahnsinnig aufgeregt. Aber eigentlich hat mich mein Vater mit diesen ganzen Weihnachtsgeschichten dazu gebracht. Das kann man wirklich so sagen, dass er der Initiator war.


Als es dann in Ihrer Kindheit in Richtung Trennung Ihrer Eltern ging, gab es ja für Sie eine nicht so erfreuliche Zeit, in der man sich ja dann vielleicht auch eine Art Schutzwall um sich herum aufbaut, um nicht so verletzt zu werden. Kann es sein, dass dann die Musik Sie später sozusagen wieder an Ihre Gefühle gebracht hat, eine Art Ventil war?

Nein, ich glaube, das war nicht die Musik. Das kann man so nicht sagen. Ich glaube viel mehr, dass das eher das Nachdenken gebracht hat. Nachdenken über die Kindheit, Reflektieren, das hat eher dabei geholfen, dass ich alles ein bisschen besser verstanden habe.


Aber das Lied für Ihren Vater, war das so ein bisschen eine Befreiung, Gedanken auszudrücken, die man mit sich rumträgt?

Björn Casapietra denkt sehr oft<br>an seinen verstorbenen Vater.
© Björn Casapietra
Björn Casapietra denkt sehr oft
an seinen verstorbenen Vater.
Um ehrlich zu sein, ’Vater’s Lied’ war auf der einen Seite eine Möglichkeit, einfach zu sagen, was ich denke: dass er mir fehlt, dass er sehr groß ist und dass er von so vielen Menschen nach wie vor so wahnsinnig geschätzt wird. Das ist wirklich toll! Der Dirigent, mit dem ich im Juli in Heiligendamm das Classic Open Air gemacht habe, der war jünger als ich, glaube ich, und hat mir dann plötzlich im Nebensatz erzählt, dass er eine Aufnahme von meinem Vater nach wie vor für das Beste hält, das von diesem Stück jemals gemacht wurde. Er musste es mit seinem Orchester selbst auch aufführen und hat ihnen wohl Kopien davon gemacht und sie haben es alle bestätigt, dass das ausnahmslos die beste Version dieses Werkes ist, die mein Vater damals gemacht hat. Und so was passiert einem ständig bei meinem Vater, dass so viele Leute nach wie vor sagen, das ist einfach großartig, was er geleistet hat.
Und mit dem Lied wollte ich damit mal ausdrücken, dass ich so stolz bin auf ihn und dass er mir fehlt und dass ich wünschte, wir könnten jetzt so viel miteinander teilen, was wir natürlich nicht können.


Sie wollten erreichen, dass eine Straße nach ihm benannt wird und auch Ihr Halb-Bruder Uwe Hassbecker engagiert sich ja seit Langem dafür, dass Ihrem Vater in Leipzig und Dresden, seinen wichtigsten Wirkungsstätten, diese Ehre zuteil wird.

Das tun wir nach wie vor, aber die Mühlen mahlen langsam. Wenn es jemand verdient hat, dann mein Vater. Es ist unverständlich, dass da immer noch nichts passiert ist. Nach den unbekanntesten Physikern werden, sicher berechtigt, Straßen benannt, aber jemand, der eine umfassende musikalische Bibliothek hinterlassen hat an Aufnahmen, die weiterhin verkauft werden, der muss da immer noch drum bangen und da passiert nichts. Ich finde das eigentlich eine Schande für Dresden und für Leipzig.


Spielen Sie eigentlich irgendwelche Instrumente?

Nein, das muss man als Sänger nicht zwangsläufig. Aber es gibt genug Pianisten und ich will denen ja nicht auch noch den Job wegnehmen.


Wie ist es mit Tanzen? Eher nicht so Ihr Ding?

Tanzen ist gar nicht mein Ding, nein, überhaupt nicht.


Um noch mal zum Gesang zurückzukommen. Was würden Sie sagen, wie viel Prozent sind Talent/Gabe, was man Ihnen ja auch gerne unterstellt, und wie viel Prozent Handwerkszeug, Arbeit an der Stimme etc.?

Ich würde, anders als die meisten, sagen, dass das Talent schon mindestens 50% sind und 50% Arbeit. Ich würde nicht sagen, dass es 80% Arbeit und 20% Talent sind oder anders rum. Ich würde es eher gleich gewichtet sehen.


Die eigene Stimme hört sich ja bekanntermaßen für einen selbst immer anders an, als andere sie hören. Wie kontrollieren Sie das, nehmen Sie sie auf?

Das ist ein unangenehmes Thema, weil ich mich einfach wahnsinnig ungern selber höre. Wie viele Sänger übrigens, die sich selbst gar nicht hören wollen. Und daher bin ich ja so froh über das letzte Album ’Verführung’, weil ich das als einziges Album permanent gehört habe und ganz stolz und glücklich war.
Es ist natürlich hilfreich, sich selbst zu hören. Dann ist es hilfreich, auf andere zu hören. Es ist hilfreich, einen guten Lehrer zu haben, der einem auch sagt, was man falsch macht u.s.w. Aber selber hören, ist immer so ein schwieriges Thema. Das fällt mir sehr schwer.


Können Sie sich noch an Ihr allererstes Konzert als Tenor erinnern und wie es für Sie war?

Ich kann mich erinnern. Das war in einer Kirche in Schmöckwitz, hier in einem kleinen Ort, wo alle sprachlos und ganz begeistert waren über meinen Gesang. Das weiß ich noch, das war ein wundervolles Erlebnis. Das werde ich nie vergessen, wie ich da pianissimo die leisen Töne gesungen habe und alle hin und weg waren. Das war wirklich toll!


Wie hält man sein erarbeitetes stimmliches Niveau?

Na ja, indem man ausgeglichen lebt, vor Konzerten diszipliniert ist, wenig redet, kein Alkohol, keine Zigaretten natürlich. Indem man aber auch glücklich sein muss. Es hat keinen Sinn, nur Opfer zu bringen und am Ende ist man unglücklich. Die größten Sänger waren auch die größten Säufer. Und die meisten Sänger rauchen auch. Im Grunde ist es der Seelenzustand, der stimmen muss. Vögel, die glücklich sind, singen. So ist es.


Wie lange darf man sich eine Pause erlauben bzw. gar nicht?

Pausen sollte man sich oft erlauben. Je mehr Pausen man macht, desto länger hält die Stimme. Eine Pause ist oft ganz wichtig. Natürlich nicht immer. Wenn man weiß, man hat eine Tournee vor sich, dann kann man keine Pause machen. Dann muss man sich natürlich vorbereiten. Es kommt ganz darauf an. Aber mal einen Monat nicht zu singen, ist sehr, sehr wichtig und sehr gut für die Stimme. Das habe ich gerade wieder erlebt. Nach der Tournee hatte ich fast vier Wochen Pause und hab’ dann ein Konzert gehabt und habe selber gestaunt, wie gut ich plötzlich singe, obwohl ich überhaupt nicht geübt hatte. Die Stimme war dann ausgeruht. Das ist ganz wichtig so.


Sie sind ja auch gerne Ihr eigener Herr, was Sie ja, wie Sie einmal sagten, auch so an Ihren Konzert-Tourneen lieben. Wie frei/unabhängig sind Sie z.B. in der Auswahl der Lieder für eine CD oder auch der Konzertplanung?
© Björn Casapietra

Bei den CDs bedingt, aber am Ende bin ich schon der, der entscheidet. Ich habe einen Produzenten, mit dem ich zusammenarbeite, der das auch mitentscheidet, natürlich. Aber im Grunde mache ich die Vorschläge. Bei den Konzerten bin ich eher mein eigener Herr.


Sie wirken sehr selbstsicher. Haben Sie auch mal Zweifel, Lampenfieber oder ist das weniger Ihr Thema?

Um Gottes Willen! Wenn ich kein Lampenfieber hätte, würde ich das Publikum nicht so erreichen, wie es mir ein Herzensbedürfnis ist. Routine und vermeintliche Coolness vor einem Konzert sind nicht gut. Die Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Das sind tatsächlich meistens die Konzerte, die am schlechtesten laufen. Aufgeregtheit, Lampenfieber sind existenziell wichtig für das Gelingen eines Konzertes.


Das legt sich dann aber im Laufe des Konzertes.

Ja, klar.
Akustik ist etwas das für mich ganz, ganz wichtig ist. Ich bin sehr abhängig von guter Akustik. Es gibt Sänger, die sind so nervenstark, dass es ihnen scheißegal ist, wie die Akustik ist. Das ist bei mir wirklich nicht der Fall. Ich muss z.B. mich immer gut hören und kontrollieren können. Andere Sänger sagen oft, mir vollkommen wurscht, mir egal, ob ich mich da höre oder nicht und die Akustik trocken ist oder nicht. Ich kann bei trockener Akustik meistens keine guten Konzerte abliefern.


Das ist dann auf Dauer sicher auch anstrengender, an so einem Ort zu singen.

Ja, natürlich. Konzerte ohne Akustik sind ganz furchtbar, ganz anstrengend.

 

Bevorzugte Konzert-Location: eine Kirche - hier in Frankfurt/Oder
© Björn Casapietra
Bevorzugte Konzert-Location: eine Kirche - hier in Frankfurt/Oder


Deswegen singen Sie auch gerne in Kirchen, weil die Akustik dort meist so gut ist?

Richtig, richtig. Und erstaunlicherweise wollen uns die Leute eigentlich auch immer in Kirchen hören. Die Erfahrung haben wir auch gemacht, dass uns die Leute, als wir versucht haben in Stadthallen zu wechseln, plötzlich weggeblieben sind. In Rostock haben wir die Erfahrung gemacht, mehrmals 700 Leute hintereinander. Dann zogen wir in die Stadthalle, weil wir dachten, o.k. jetzt nehmen wir mal eine größere Location und plötzlich kommen 250. Das ist schon eine Sache, die sehr wichtig ist. Das Publikum will einen Tenor nicht in einer Stadthalle hören oder einem Musiksaal, der mehr für Pop/Rock ausgestattet ist. Und da sind die Leute auch nicht gekommen bzw. nicht so, wie wir das in Kirchen gewohnt waren. Die Kirchen-Konzerte waren meist die am besten besuchten. Das Publikum will ja nicht nur zu dem Sänger gehen, sondern auch in eine schöne Location. Das ist ganz, ganz wichtig. Aus diesem Grund wurden übrigens Philharmonien gebaut. Weil man gesagt hat, man will auf der einen Seite die Akustik von Kirchen haben, aber eben auch die Vorzüge eines Konzerthauses.


Jetzt würde ich gerne noch auf etwas anderes eingehen, das Sie einmal erzählt hatten und zwar, dass es bei Ihnen ein paar eigentlich beste Freunde gibt, die sich aber wohl nicht so wirklich mitfreuen können über Ihren Erfolg, was wohl auch ein bisschen mit Missgunst zu tun hat. Dabei habe ich mich gefragt, ob das wohl gerade in Ihrer Beziehung zu Ihrem Halb-Bruder Uwe Hassbecker so ist, dass Sie ja beide sehr erfolgreich sind in Ihren unterschiedlichen Musik-Richtungen, gegenseitig Bewunderung für die Arbeit des anderen haben und da eben gar kein Neid ist, sondern Sie sich auch gegenseitig unterstützen und das wohl auch eine Grundlage ist dafür, dass Sie sich so gut verstehen?

Ja, natürlich. Ich bin überzeugt davon, dass das wichtig ist, dass ich hinter meinem Programm und hinter meiner Musik ganz massiv stehe und Uwe hinter seiner. Erfolgreich? Erfolg ist immer so eine Sache. Bei Silly ist es sicher 10, 15 Jahre her, seit sie eine Platte aufgenommen haben. Und auch ich bin noch nicht an Verkaufszahlen, wo ich sagen kann, da kommt man nahe an André Rieu ran. Das ist alles noch weit weg. Aber wir lieben einfach die Musik und wir ehren die Musik.
© Björn Casapietra

Das gute Verhältnis mit Uwe liegt vorwiegend daran, dass wir so verschieden sind. Dass er so ein ganz ruhiger, in sich ruhender kluger Kopf ist und ich bin eigentlich so das ganze Gegenteil. Ich bin sehr temperamentvoll, sehr emotional, explosiv und geladen mit viel nervöser Energie. Das ist so, Gegensätze ziehen sich an. Ich glaube, diesen Satz kann man unterschreiben, was uns beide angeht. Ich glaube, es ist weniger der Erfolg. Das Menschliche ist es auch, was uns aneinander interessiert. Dass er meine Energie, das sagt er auch immer wieder, so spannend findet und ich im Gegenteil diese Ruhe und diese Ausgeglichenheit, die er mir gibt. Also die Konzerte, wo er dabei war, waren größtenteils mit die besten. Es ist natürlich toll, wenn man alleine auf der Bühne steht, aber es ist auch immer mehr Nervosität, mehr Verantwortung. Wenn man auf der anderen Seite den Uwe mit dabei hat, dann weiß man, die Leute haben noch einen anderen Punkt den Sie angucken können. Der Fokus liegt nicht ganz alleine auf mir und das hilft mir immer wahnsinnig. Ich fühle mich wohl, wenn ich einen Partner auf der Bühne habe und nicht ganz alleine bin.


Der Schwerpunkt in Ihrem Leben ist eindeutig die Musik. Was muss dann eine Rolle haben, damit Sie doch wieder mal in Richtung Schauspiel gehen?

Da kommen jetzt gerade wieder ein paar Anfragen, weil ich eine neue Agentur habe. Die sortieren wir gerade. Ich würde mir wünschen, dass da was klappt. Ehrlich gesagt, ist mir die Rolle erst mal egal. Ich habe einfach grundsätzlich Lust, wieder mal zu drehen. Natürlich ist es toll, wenn es eine gute Rolle ist, aber es ist auch nicht so, dass ich mir das aussuchen kann. Da gibt’s sowieso nur eine Handvoll in Deutschland, die sich die Rollen aussuchen können und das ist bei mir bei weitem nicht so. Ich muss da schon nehmen, was mir angeboten wird. Eine Sache, die wir gekriegt haben, wäre richtig toll, da würde ich nämlich einen Sänger spielen in der Hauptrolle. Aber nun schauen wir mal, das sind noch ungelegte Eier.


Noch kurz zur Stiftung Bärenherz, die Sie ja auch unterstützen. Haben Sie für die Kinder dort schon mal gesungen oder wäre das ganz absurd?

Ich habe schon öfters Konzerte für Bärenherz gemacht. Aber nicht für die Kinder selbst. Ich glaub auch nicht, dass die das so wahrnehmen würden und selbst wenn, sind die in einem Alter, das sind teilweise Neugeborene oder 5, 6 Jahre alte Kinder. Aber da bin ich mit meinem Repertoire der Falsche. Wenn ich Kinderlieder singen würde, vielleicht.


Sie waren ja auch schon vor Ort. Wie gehen Sie persönlich mit den traurigen Schicksalen um?

Das Mutigste und das, was mir bisher am meisten Respekt abverlangt hat, sind die Eltern, die ich da kennen gelernt hatte. Denen bringe ich höchsten Respekt entgegen. Ich versuche, in meinen Konzerten, auch in Interviews wie diesen, Öffentlichkeit für Bärenherz herzustellen, um die Stiftung auch damit bekannter zu machen. Bei der Tour waren immer zwei Mädels dabei, die für Bärenherz Sachen verkauft und über die Stiftung informiert haben. Ich versuche, das immer wieder mit zu unterstützen. In der letzten Zeit ist das ein bisschen weniger geworden, weil ich mich auf ein anderes Thema etwas versteife und fokussiere, nämlich diese Nazis, die sich wieder in unsere Parlamente drängen, diese geistesgestörten, gehirnamputierten NPD-Leute. Da ist mein Fokus jetzt so ein bisschen drauf und insofern ist Bärenherz etwas in den Hintergrund gerückt.


Sie wollen dazu auch einen Verein, eine Stiftung gründen?

Ja, ich habe überlegt, ob ich einen Verein gründe, gegen Ausländerfeindlichkeit in jeder Form. Ausländer- und Inländerfeindlichkeit, jede Form die basierend ist auf Fremdenfeindlichkeit, bloß weil das Fremde einfach fremd ist, finde ich einfach furchtbar. Das ist ganz grauenhaft.


Konstantin Wecker hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass die Politik kaum noch Handlungsfreiheit hat, da sie der Ökonomie verpflichtet sei und es daher an uns (den Bürgern) liegt, etwas zu ändern. Sehen Sie das auch so?

Alle Macht geht vom Volk aus!  (lacht)
Das ist definitiv richtig. Es muss jeder für sich selbst aktiv werden. Politik beginnt bei den Bürgern, jeder sollte sich einmischen in demokratische Prozesse, in Fehlentwicklungen, auf welchem Gebiet auch immer. Jeder muss lernen, dazulernen, begreifen, dass wir alle gleich sind. Dass wir alle Augen, Nase, Mund etc. haben und ein Verhalten, oder was auch immer, nie auf Religion, die Hautfarbe oder Herkunft beziehen sollten. Das ist ein Lernprozess, definitiv.
© Björn Casapietra

Je mehr man ins Ländliche kommt, desto verbreiteter ist Rassismus natürlich als in einer Großstadt. Selbst einen Verein zu gründen und sich selbst zu kümmern, ist, glaube ich, schon der richtige Weg. Ich bin da allerdings auch noch nicht weiter. Ich muss da auch noch ein paar Schritte machen.


Noch einmal ein ganz anderes Thema: Mal angenommen, es gäbe eine Person, Sie hätten beide Zeit, derjenige freut sich schon, Sie kennen zu lernen und man könnte Sie dorthin ’beamen’ zu irgendeinem Menschen auf dieser Welt, dem Sie noch nie begegnet sind. Wen würden Sie dann gerne mal treffen?

Bono von U2 definitiv. Das ist ein Mensch, der mich wahnsinnig fasziniert. Nicht nur durch seine Musikalität und seine Songs und diese Band, sondern auch natürlich durch seine Versuche, für Afrika den Schuldenerlass voranzutreiben etc. etc. Und  wovor ich besondere Hochachtung habe: dass er in den ganzen Jahren seine Frau noch nie betrogen hat bzw. eine Affäre hatte. Das hat sicher auch darin seine Ursache, dass seine Mutter so früh gestorben ist. Aber ich meine, gerade als Rockmusiker, der weltweite Tourneen macht, ist man natürlich der Versuchung immer nahe. Und noch dazu vier Kinder zu haben, vier an der Zahl (!), das ist einfach beeindruckend. Dass einer nicht nur eine berufliche Karriere, sondern auch eine menschliche Karriere vorzuweisen hat, das finde ich großartig.


Ihre eigene menschliche Karriere nimmt ja nun auch bald eine sehr schöne Wendung. Sie werden Vater einer Tochter. Was geht in Ihnen vor bei dem Gedanken daran?

Viel Verantwortung, viel Freude, Glücksgefühl, Dankbarkeit, auch ein bisschen Angst, Bedenken, alles richtig zu machen. Ich werde mich noch eingehend damit beschäftigen, auch mit Büchern u.ä., weil ich einfach definitiv natürlich viel richtig machen möchte. Oftmals, wenn man das eine will, erreicht man bei Kindern genau das Gegenteil. Wenn man die musisch Begabten da hin zwingt, ist es oftmals so, dass sie genau davor eine Abscheu entwickeln. Also man muss wirklich genau sehen, wie man es hinkriegt, dass das Kind vielleicht so ehrgeizig, so stolz und selbstbewusst wird, wie man es gerne möchte. Da muss man sich einfach mit beschäftigen. Und das ist etwas, wovor ich ein bisschen, sagen wir mal, ’Muffensausen’ habe.
Aber es überwiegt natürlich die große Freude und das große Glück, dass ich endlich Papa werde.


Im Gästebuch Ihrer Website kann man ja sehr schön sehen, wie sich Ihre Fans mit Ihnen und Ihrer Lebensgefährtin freuen und jetzt auch mit auf die Suche nach einem schönen Namen gehen. Ist schon etwas in der näheren Auswahl?

Ja, eine Auswahl gibt es und jeder hat seine Favoriten, aber wir haben uns noch auf keinen geeinigt.


Wie wichtig ist es für Sie, Tiere um sich zu haben? In Ihrer Kindheit gab es ja wohl eine Dackelhündin und jetzt gibt’s noch den Kater Chérie … .

Björn Casapietra mit Kater Chérie
© Björn Casapietra
Björn Casapietra mit Kater Chérie
Genau, jetzt gibt’s noch den Kater. Tiere sind für mich ganz wichtig. Ich bin also vielleicht so mit der Tierliebste, den man sich vorstellen kann. Ich liebe Tiere über alles und würde am liebsten im Zoo leben. Tiere sind für mich ganz, ganz wichtig. Ich werde auch immer wieder versuchen, mich um Tiere zu kümmern, wilde oder herrenlose. Das war schon immer ’Auftrag’ in mir.

 


 

Was macht der Kater, wenn Sie auf Tournee sind? Erkennt er Sie dann hinterher noch?

Ja, dem Kater ist so was herzlich egal. Ein Hund hätte mehr darunter zu leiden. Das ist das, was mir an Katzen so gefällt, dass sie so schön unabhängig sind und dass sie überhaupt nicht auf den Menschen fixiert sind, sondern ihre eigene Stärke haben. Das hat  mich an Katzen schon immer wahnsinnig fasziniert.


Der Mensch also hauptsächlich als Dosenöffner … .

Ja, richtig. Es ist ja übrigens auch erwiesen, wenn der Mensch aussterben würde, habe ich neulich mal gelesen oder gehört, dass viele Tiere gar nicht weiterleben könnten ohne den Menschen, z.B. der Hund. Katzen hingegen sich ganz wunderbar wieder umstellen könnten, zu jagen, alleine zu leben usw. Irgendwie haben Katzen eine Stärke, die ich einfach wahnsinnig toll finde.


Sie waren während Ihres Gesangsstudiums als Tenor auf der MS Berlin engagiert und danach auch mehrfach als Schauspieler am “Traumschiff“ unterwegs. Wenn es jetzt nicht Ihre 2. Heimat Ligurien wäre, was wäre dann eine Traumreise für Sie, vorausgesetzt, Sie hätten gerade 3 Wochen Zeit?

Traumreise ist auf jeden Fall die Südsee. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich die Südsee liebe! Das ist ja so toll. Diese Einsamkeit, diese Weite und diese vielen Tausend, Millionen von Inseln. Die werde ich nie vergessen! Als wir dort mit dem “Traumschiff“ waren und auf diversen Inseln gedreht haben und so viel gesehen haben. Dagegen ist die Karibik wirklich ganz furchtbar. Die Südsee hat’s mir wahnsinnig angetan. Die finde ich so wunderbar klar. Also da ist damals ein Stück von meinem Herzen liegen geblieben.


Zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft: Was ist ihr nächstes großes/größeres Ziel?

Das nächste, was feststeht, ist die Tenöre-Tournee: die deutschen Star-Tenöre sozusagen alle zusammen Abend für Abend in großen Hallen. Da sind wir im Oktober/November (2008) unterwegs. Dann kommt mein persönliches Highlight, nämlich eine Weihnachts-Tournee. Das habe ich noch nie gemacht, aber mir schon immer gewünscht, weil Weihnachtslieder zu singen wahnsinnig schön ist.
Und wir planen auch schon ein neues Album für 2009.
Und was ich mir selbst wünschen würde – als Schauspieler habe ich jetzt nicht so viele Wünsche -, aber ich will unbedingt als Sänger noch weiterkommen. Ich möchte eigentlich auch Rollen singen auf der Bühne, also Schauspiel und Gesang verbinden. Das ist etwas, an dem ich arbeiten muss, jetzt und in Zukunft.
Und, na ja, eines meiner ganz fernen Ziele, ich weiß nicht genau, wie ich das umsetze, aber was ich mir eigentlich immer gewünscht habe, ist Regie zu führen bei einem Film. Aber das ist noch etwas weiter weg.

 

Bianka Kaspar mit Björn Casapietra
© Bianka Kaspar
Bianka Kaspar mit Björn Casapietra

© Bianka Kaspar
2008

 

Update: Stella Cheyenne, die Tochter von Björn Casapietra und seiner Lebensgefährtin Anne-Sophie Wagner, hat am 5. Januar 2009 in Berlin-Friedrichshain das Licht der Welt erblickt.


2010
: Neues Album "Celtic Prayer"

2015: Neues Album "Un Amore Italiano"



Hat Ihnen der Artikel gefallen? Wenn ja, dann bitten wir um Unterstützung von:

Stiftung Bärenherz
http://www.baerenherz.de[...]


Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
http://www.bund.net[...]index.php?f=spenden



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