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Historische 'Schnitzeljagd'

ein Interview mit Conrad Mayer


– Hotelier und Roman-Autor –


Jahrgang 1959, verheiratet, drei Töchter, lebt in München, Schwester ist die Schauspielerin Wookie Mayer.
 


Wenn ein Hotelier einen Roman schreibt, liegt die Vermutung nahe, dass dieser Begebenheiten in einem Hotel zum Inhalt hat. Das ist aber bei Ihnen nicht der Fall. Sie haben einen historischen Mystery Thriller geschrieben. Worum geht es darin?

Mit Hotellerie hat der Thriller wirklich gar nichts zu tun, denn ich wollte auf diese Weise einmal Abstand von meinem Beruf gewinnen, den ich seit einem Vierteljahrhundert ausübe.
Conrad Mayer
© Conrad Mayer
Conrad Mayer

Vordergründig geht es um die Entdeckung des letzten Paulusbriefs, auf den ein Münchner Geschichtsprofessor Jagd macht. Dabei ist ihm ein unheimlicher Killer auf den Fersen. Die realen Schauplätze der Geschichte, die einer historischen ’Schnitzeljagd’ gleicht, sind München, Rom, Neapel/Ischia und Istanbul.
Hintergründig geht es um das Spannungsfeld zwischen Rationalität und Medialität. Der Professor, der bei seinen Recherchen mit der Kraft der Logik allein nicht mehr vorankommt, tut sich mit einer Frau namens Clarissa Martius zusammen, die seit ihrer Kindheit mediale Fähigkeiten besitzt. Als Medium ist sie in der Lage, unter bestimmten Umständen Kontakt zu Persönlichkeiten der Vergangenheit aufzunehmen. So entdeckt der Professor entgegen seinem bisherigen Weltbild, dass nicht alles immer nur mit Logik und Rationalität lösbar ist.


Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Der Ursprung des Romans ist eine bislang unbekannte historische Begebenheit aus dem siebzehnten Jahrhundert, auf die ich 1994 zusammen mit meiner Frau auf dem Castello Aragonese von Ischia gestoßen bin. Diese Begebenheit wird im Roman von der Nonne Melisande erzählt, die den Paulusbrief 1632 in der Krypta einer Kathedrale des Castellos entdeckt hat. Das hat mich dazu inspiriert, weiter zu recherchieren und die Ergebnisse der Recherchen in eine gegenwärtige Rahmenhandlung einzubinden. Dabei habe ich mich mit dem Phänomen der Medialität sehr intensiv beschäftigt und entdeckt, dass es zwischen Himmel und Erde wesentlich mehr gibt, als meine eigene Rationalität bislang zu akzeptieren bereit war.


Ist es Ihnen schwer gefallen, sich auf diese Reise abseits der Rationalität einzulassen?

Bei einem ursprünglich reinen „Logiker“ wie mir redet mir der so genannte „innere Kritiker“ mit den üblichen Killerphrasen („Hat es noch nie gegeben!“, „Wo kämen wir da hin?“ etc.) natürlich gerne dazwischen und weiß alles besser. Dieser innere Widerstand ist nicht immer einfach. Aber da darf man nicht hinhören, sonst gäbe es auf dieser Welt keine Innovationen im wissenschaftlichen und keine „Grenzüberschreitungen“ im geistig-seelischen Bereich. Da halte ich es mit einem Zitat von Ralph Waldo Emerson: „Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist unbedeutend, verglichen mit dem, was in uns steckt.“
Einer der Schauplätze des Romans:<br>das Castello Aragonese auf Ischia
© Conrad Mayer
Einer der Schauplätze des Romans:
das Castello Aragonese auf Ischia


Wie hat sich die Recherche dazu gestaltet?

Zusammen mit meiner Frau, die mich bei meinen Recherchen ganz wesentlich unterstützt hat, war ich zweimal in Rom, einmal in Neapel, Ischia, Paestum und zweimal in Istanbul. Die Orte, die ich in dem Roman beschreibe, existieren wirklich und können besichtigt werden – soweit sie schon entdeckt sind.


Was würden Sie sagen, wie viel Prozent Realität und wie viel Fiktion sind in der Geschichte enthalten?

Die Geschichte ist für mich so lebendig geworden, dass der Anteil der Realität den der Fiktion weit überwiegt. Ich glaube, der Leserin und dem Leser wird es genauso ergehen. Denn wo verlaufen in unserer heutigen virtuellen Welt noch die Grenzen zwischen Realität und Fiktion? In meinem Roman verschmelzen diese Grenzen so, dass meine geschichtlichen Theorien zumindest nicht zu widerlegen sind.


Gibt es auch Eigenheiten der Protagonisten, die von einer realen Person inspiriert wurden?

Natürlich sind auch meine Protagonisten ein Cocktail aus Realität und Fiktion.
Castello Aragonese
© Conrad Mayer
Castello Aragonese

Aber sie bleiben trotzdem anfassbar und menschlich. So hat z.B. mein Held, Professor Richard Benz, in seiner Schlaksigkeit und seiner Sprache große Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Schauspieler Cary Grant. Clarissa Martius hat viele Eigenschaften eines Mediums, das ich persönlich sehr gut kenne. Aber vor allem glaube ich, dass sich die Leserinnen und Leser selbst in vielen Eigenheiten der Helden wieder finden werden.


Oft machen Autoren ja die Erfahrung, dass ihre Hauptfigur irgendwann anfängt ein Eigenleben zu führen und die Geschichte dadurch auch schon mal einen etwas anderen Verlauf nimmt, als geplant. Ist Ihnen das auch passiert oder hatten Sie den kompletten Verlauf von Anfang an so im Kopf, wie Sie ihn dann auch umgesetzt haben?

So, wie der Appetit oft beim Essen kommt, hat die Geschichte sich in vielen Facetten erst beim Schreiben entwickelt und, wie ich hoffe, ihren Spannungsbogen gesteigert. Professor Benz jedenfalls hat am Schluss eine ziemliche Eigendynamik entwickelt, mit der sein Schöpfer kaum Schritt halten konnte. Auch haben mir meine Frau und meine Töchter einige geniale Ideen eingegeben, die ich verarbeitet habe.


Sie führen ein Hotel in München und haben eine Frau und drei Töchter, wann blieb da Zeit zum Schreiben?

Das Schreiben war gar nicht das Problem! Denn als ich vor drei Jahren die Personen und die Rahmenhandlung skizziert hatte, musste ich feststellen, dass mir zu viele Detailinformationen fehlten,
Reich verzierter Kreuzgang aus dem 13. Jahrhundert<br>San Giovanni in Laterano, Rom
© Bianka Kaspar
Reich verzierter Kreuzgang aus dem 13. Jahrhundert
San Giovanni in Laterano, Rom
um weiter schreiben zu können. Was dann kam, waren drei volle Jahre intensivster Recherchen: über den Apostel Paulus, die Vatikanische Bibliothek, die Geschichte Istanbuls, des Topkapi etc. In Büchern, im Internet und auf Reisen. Als ich die geschichtlichen Informationen dann endlich zusammengefügt, die Schauplätze bereist und detailgenau fotografiert hatte, war das Buch in zwölf Monaten fertig.
Geschrieben habe ich an Wochenenden, nachts und im Urlaub. Auch hat mir meine Frau, die unser Hotel sehr gut im Griff hat, „literarischen Zusatzurlaub“ verordnet, so dass ich mich in „ruhigeren“ Zeiten wochenweise aus meinem Alltag ausblenden konnte.


Wie lange haben Sie dann insgesamt an dem Manuskript gearbeitet von der 1. Idee bis zur Fertigstellung?

Der vage Gedanke, einen Roman zu schreiben, ist mir 1994 in Verbindung mit der Geschichte der Nonne Melisande auf Ischia gekommen. Zur konkreten Umsetzung hatte ich mich nach einem Toskana-Urlaub 2005 entschlossen. Italien spielt ja übrigens auch in meinem Roman eine tragende Rolle. Dann kamen, wie gesagt, die umfangreichen Recherchen und Reisen. Mit dem Schreiben habe ich dann im Sommerurlaub 2007 begonnen. Der Roman umfasst eine persönliche Entwicklung von genau 14 Jahren.


Waren die Menschen in Ihrem Umfeld überrascht, zu hören, dass Sie einen Roman schreiben?

Allerdings. Aber sie haben sich daran gewöhnt, mich in einem völlig anderen Licht zu sehen. Es macht mir seit jeher einen Riesenspaß, Menschen zu überraschen mit etwas, mit dem sie nicht gerechnet hatten.

San Giovanni in Laterano ist die Bischofskirche und älteste Basilika Roms.
© Bianka Kaspar
San Giovanni in Laterano ist die Bischofskirche und älteste Basilika Roms.

Hatten Sie zwischendurch auch mal Zweifel, ob die Geschichte so funktioniert, wie Sie sie sich gedacht haben? Waren Sie auch mal unsicher, wie es weitergehen soll?

Die Geschichte hat sich von der ersten bis zur letzten Zeile ständig weiterentwickelt. Besonders bei „Szenenwechseln“ hatte ich immer wieder Zweifel, wie ich wieder in den Schreibfluss kommen kann und weitermachen soll. Das Schreiben war meine persönliche Form der Meditation, die durch den Alltag natürlich immer wieder unterbrochen wurde. Manchmal, wenn ich im Fluss war, schien es mir, als ob etwas „durch mich hindurch schreibt“.
Ich habe allerdings keine Sekunde daran gezweifelt, dass am Ende ein Buch vor mir liegen wird. Überhaupt habe ich selten ein so sicheres Gefühl für etwas empfunden, was ich in meinem Leben gemacht habe. Es war, als ob ich einen klar definierten Auftrag hätte, diesen Roman zu veröffentlichen.


Hatten Sie vorher schon Kurzgeschichten o.ä. geschrieben oder war das sozusagen ein Start von 0 auf 100?

Ich habe recht gute Schulaufsätze und später Geschäftsbriefe geschrieben, die in ihrem eng gesteckten Rahmen wohl ihr Ziel erreicht haben. Das war’s aber auch schon.
Mein Traumberuf war früher Filmregisseur oder Produzent. Zwar hatte das Leben anderes mit mir vor, aber ich habe immer viel gelesen und gerne Geschichten erzählt – vor allem meinen drei Kindern.
Jetzt habe ich die Geschichten, die ich in meinem Kopf ständig verfilmt habe, eben einfach für ein interessiertes Publikum aufgeschrieben.


Haben Sie ein schriftstellerisches Vorbild?

Alle Autoren dieser Welt, denen es gelingt, Bilder in die Köpfe ihrer Leserinnen und Leser zu zeichnen, sie damit in eine andere Welt zu entführen, um sie dann erfüllt und bereichert wieder in die „Realität“ zu entlassen.


Hat sich Ihr Leseverhalten verändert, seit Sie selbst schreiben, so wie Sie wahrscheinlich als Hotelier mit einem anderen Blick für Details in ein Hotel gehen als ein ’normaler’ Gast?

Ja. Ich gehe kritischer und strukturierter mit Buchtexten um und stelle mir ständig die Frage, ob und wie ich es formuliert hätte.


Sind Sie froh, dass die Geschichte nun zu Ende geschrieben ist oder wird Ihnen dieser ’Ausgleich’ fehlen?
Petersplatz, Rom
© Conrad Mayer
Petersplatz, Rom

Ich genieße es, nachts im Bett zu liegen, ohne gleich wieder aufspringen zu müssen und mir eine Idee oder Formulierung zu notieren. Alles, was ich in den vergangenen Monaten gehört, gesehen und erlebt hatte, habe ich im Licht meiner Geschichte wahrgenommen. Das entwickelte sich zu einer Art Tunnelblick …
Es ist schön zu wissen, dass die Geschichte jetzt rund und sozusagen ’geboren’ ist. Die Schwangerschaft hat ja doch immerhin drei Jahre gedauert.
Aber lange wird diese Erleichterung wohl nicht andauern. Es wachsen schon neue Geschichten nach. Die Themen für vier weitere Romane stehen schon fest. Professor Benz und Clarissa Martius haben noch einiges vor sich. Sie wissen es nur noch nicht. Oder doch?


Wann voraussichtlich wird das Buch im Handel sein? Gibt es schon einen Titel?

Was der Schriftsteller möchte und der Verlag dann umsetzt, mögen ja nach den Erzählungen vieler ’Kollegen’ ganz unterschiedliche Dinge sein. Mein Titel für meinen Thriller ist „TRANCE“. Ich gehe davon aus, dass der Roman im Lauf des nächsten Jahres vorliegen wird. Zumindest ist das mein Wunsch ans Universum … (lächelt)


Wird das Buch unter einem Synonym erscheinen oder unter Ihrem Namen?

Ich habe soviel Energie in den Roman investiert, dass es, glaube ich, keine überzogene Eitelkeit ist, ihn unter meinem Namen zu veröffentlichen.


Was denken Sie, was das für ein Gefühl sein wird, das fertige Buch dann in absehbarer Zeit im Regal eines Buchladens stehen zu sehen?

Das ist ein Bild, das ich schon seit langem vor Augen habe: Stapel meiner Bücher, die sich auf den Verkaufstischen der Buchhandlungen türmen. Ich sehe auch das Cover ganz deutlich vor mir. Bei nichts, was ich je in meinem Leben unternommen habe, hatte ich ein so sicheres Gefühl für Erfolg. Manchmal werden Träume ja Wirklichkeit …
Jedenfalls ist es gegenwärtig mein größter Wunsch, möglichst vielen Menschen diese Geschichte erzählen zu dürfen!


Was wünschen Sie sich für Ihren Roman?

Dass die Leserinnen und Leser gebannt sind und das Lesen meines Romans zelebrieren.
Petersdom, Rom
© Conrad Mayer
Petersdom, Rom
Und dass sie ins Stutzen kommen, Fragen stellen und das Bedürfnis entwickeln, mit anderen darüber zu reden.


Dürfen wir dann auch eine Lesung in Ihrem Hotel in München erwarten?

Durchaus möglich. Aber erst eins nach dem anderen …


Da Sie nicht darüber schreiben, erzählen Sie uns doch hier bitte kurz das kurioseste Erlebnis, das Ihnen in Ihrem Hotel-Leben widerfahren ist.

Die Diskretion des Hoteliers und Gastgebers gebietet, darüber zu schweigen. Das liegt aber ganz sicher nicht am Mangel an Ereignissen …


… und das lustigste?

Die lustigen Geschichten sind Legion. Schauen Sie sich meine Lachfalten an!


Gab es etwas aus Ihrem Hotel-Erfahrungsschatz, das Ihnen bei Ihrem Roman-Projekt von Nutzen war?

Ein Hotel ist die Quintessenz menschlichen Lebens, denn im Hotel findet alles statt, was das Leben ausmacht. Als Sohn einer alt eingesessenen Münchner Hoteliersfamilie hat die Hotellerie fast mein ganzes Leben geprägt. Wahrscheinlich ist es unvermeidbar, dass diese geballte Lebenserfahrung zwischen den Zeilen durchblinzelt.


Zeigen Ihre Töchter auch irgendein Interesse/eine Veranlagung an Ihren Schwerpunkten Hotel und/oder Schreiben?

Auch wenn es vielleicht noch zu früh ist, das zu prognostizieren, aber die Hoteltradition wird mit meiner Generation wohl ihr Ende finden. Vielleicht ist das Thema nach vier Generationen einfach ausgereizt.
Meine 18-jährige Tochter Laura ist allerdings eine sehr sprachbegabte junge Frau. Sie hat in diesem Zusammenhang wenig von ihrem Vater: In einem Alter, in dem meine Welt noch aus Micky-Maus-Heften bestand, hat sie schon Shakespeare gelesen. Sie frisst Bücher geradezu. Ich glaube, sie wird sich in Richtung Literaturwissenschaft entwickeln.
Mit 15 und 11 Jahren sind Marina und Diana noch zu jung für berufliche Prognosen. Aber wer weiß, wozu sie die Faszination, die sie bei ihrem schreibenden Vater wiederentdeckt haben, noch verleiten wird … (lächelt)

 

Conrad Mayer und Bianka Kaspar
© Bianka Kaspar
Conrad Mayer und Bianka Kaspar


© Bianka Kaspar
2008


Update:
Das Buch ist nun unter dem Titel "Die Paulus-Affäre - Mörderische Botschaften" erschienen!

http://www.buch.de/shop/home/suche/?sswg=ANY&sq=die+paulus-aff%E4re×tamp=1444431718028