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Individualist mit schnellen Fingern

ein Interview mit Patrick Rapold


– Schauspieler (“Snow White“, “Der Ermittler“, “Im Tal der wilden Rosen“, “Lilly Schönauer: Umweg ins Glück“, “Familiengeheimnisse“, “Sturmjahre“ u.a.) und Konzert-Pianist (3 CDs, aktuelle: “Songs without words“) –


Jahrgang 1975, ledig, lebt in Zürich und Los Angeles, Bruder ist der Schauspieler Martin Rapold.

 


Ihre Mutter war ziemlich erleichtert, als Sie als Kind anfingen sich dem Klavierspielen zu widmen, da Sie von da an nicht mehr so viel anstellten, wie sie sagte. Trotzdem waren Ihre Eltern, wohl vorwiegend aus Sorge, dagegen, dass Sie hauptberuflicher Künstler wurden. Was hat dann die anhaltende Faszination für das Klavierspielen ausgemacht, dass Sie davon trotzdem nicht mehr abgelassen haben und inzwischen seit bald 30 Jahren spielen?
Patrick Rapold
Fotograph: Alberto Venzago
Patrick Rapold

In den jungen Jahren war zugegebenermaßen der Ehrgeiz ein maßgebender Motor. Nebst der damals natürlich schon vorhandenen Liebe zur Musik wollte ich auch so schnelle Finger haben wie Horowitz & Co. Später wurde mir bewusst, dass die so genannte „Begabung“ eben wirklich ein Geschenk ist, dem man Sorge tragen muss. Heute bin ich für das, was ich erreichen durfte mehr dankbar als stolz.


Wenn es so etwas gibt, würden Sie sagen, dass Sie ein typischer Pianist sind?

(lacht) Ja, Sie sagen es, wenn es so etwas gibt! Ich nehme schon an, dass ich einigen gängigen Klischees entspreche. Aber vielen Dank, dass Sie mich nicht fragen, ob es mir das Pianist sein erleichtert, Frauen rumzukriegen.


Wurde Ihnen so eine Frage denn schon mal gestellt? Ich hatte meine allerdings mehr auf Ihre Herangehensweise, Ihre Einstellung, Ihren Umgang mit den Stücken u.ä. bezogen … .

Ja natürlich, viel zu häufig. Aber nochmals: was ist ein „typischer“ Pianist? Jeder macht seinen eigenen Weg. Ich kann manchmal ein ziemlicher Individualist sein, ich hatte nicht sehr viele Gleichgesinnte an der Musikhochschule, bei der Schulleitung eckte ich auch öfters mal an. Ich stelle mich in den Dienst der Musik, aber natürlich so, wie ich die Musik verstehe, anders geht es ja gar nicht. Ich habe mir nie Interpretationen aufzwingen lassen, nur weil „man“ dies und das so und so nicht macht.


Im Gegensatz zu einem Gitarristen oder Violinisten können Sie Ihr Instrument nicht zu Auftritten mitnehmen. Ist es schwierig immer wieder auf einem neuen Klavier mit unterschiedlichem Klang zu spielen?

Die Zeiten, in denen die Künstler ihre eigenen Instrumente um die Welt schifften, sind in der Tat vorbei. Das kann sich heute kein Veranstalter mehr leisten. Andrerseits sind die Unterschiede des Standard-Instrumentes – des Konzertflügels von Steinway – nicht vergleichbar mit den Unterschieden zweier Stradivari-Geigen. Außerdem ist das „sich anfreunden“ mit jedem neuen Instrument auch etwas Spannendes.


Spielen Sie immer alleine oder auch mal mit Orchester?

Das Klavier ist ja kein klassisches Orchester-Instrument, das heißt man spielt entweder solo oder aber als Solist mit einem Orchester ein Klavierkonzert. Ich würde gerne öfter Klavierkonzerte mit Orchester geben, aber an solche Engagements heranzukommen, ist sehr schwierig und meist der Elite wie Evgeny Kissin oder Lang Lang vorbehalten.


Als Pianist ist es sicher viel schwieriger, Gefühle auszudrücken und Geschichten zu erzählen als für einen Schauspieler. Wie gelingt das?
Patrick Rapold am Klavier
Fotograph: Alberto Venzago
Patrick Rapold am Klavier

Das finde ich gar nicht, zumal die „Drehbücher“ der Klavierliteratur auf einem unvergleichbar höheren Niveau stehen als die Geschichten, die meistens im Film erzählt werden. Und Musik erzählt immer auch eine Geschichte.


… die nicht für jeden Zuhörer zwangsläufig die gleiche sein muss. Ist dabei mehr die Aufmerksamkeit und Phantasie des Publikums gefragt als beim Film?

Das klingt ja fast nach Arbeit. Man MUSS aufmerksam sein und sich ZWINGEN, ganz viel Phantasie zu haben. Nein, genau wie bei einem guten Film kann man sich bei einem guten Konzert einfach entspannen und sich gegenüber dem öffnen, was da vorne passiert. Im Übrigen sieht auch jeder immer seinen eigenen Film, selbst bei der durchgestyltesten Hollywood-Achterbahn.


Wie wichtig ist Disziplin beim Klavierspielen, sich nicht ’hinreißen’ zu lassen?

Natürlich darf und soll der Pianist sich selbst in die Interpretation mit einbringen. Aber wichtig ist, dass er das Publikum berührt und nicht sich selbst.


Die Begeisterung für das eigene Spiel sollte sich also in Grenzen halten?

Mit diesem Wort wäre ich sehr vorsichtig, ja. Es gibt Momente, wo ich quasi von neuem von einem Stück begeistert bin; kürzlich habe ich wieder einmal die Intermezzi Op 117 von Brahms gespielt, welche ich seit Jahren weder von mir noch von jemand anderem gehört habe. Aber meine Finger konnten sich an das Stück erinnern, so konnte ich quasi einfach zuhören, und davon war ich dann begeistert.


Wovon träumt der Pianist Patrick Rapold?

In der Lage zu sein, das 3. Rachmaninow Klavierkonzert spielen zu können und dann auch noch ein gutes Orchester zu finden, das es mit mir aufführt.


Lässt sich mit Worten erklären, was für einen Pianisten die Besonderheit bzw. die besondere Schwierigkeit dieses Stückes ist?

Einerseits ist es ein physischer Kraftakt, dieses Konzert überhaupt durchzustehen. Es ist fast doppelt so lang wie ein „normales“ Klavierkonzert und an technischer Kompliziertheit und Schwierigkeit kaum zu überbieten. Besonders gemein ist dabei, dass die ersten 30 Takte so einfach sind, dass sie von einem Kind ab Blatt gespielt werden könnten. Und während diesen ersten Takten hat dann der Pianist alle Zeit der Welt, sich vorzustellen, über welchen Berg er jetzt noch zu wandern hat. Andrerseits sprachen wir vom „sich hinreißenlassen“. Rachmaninow liebt das Drama und die Euphorie und beim 3. Klavierkonzert zieht er wirklich alle Register. Da die Kontrolle zu behalten, ist nicht einfach. Es ist einfach pure Ekstase, ein wunderbares Superlativ in allen Belangen.

Patrick Rapold im ARD-Film<br>“Lilly Schönauer – Umweg ins Glück” (2007)
© ARD Degeto/Petro Domenigg
Patrick Rapold im ARD-Film
“Lilly Schönauer – Umweg ins Glück” (2007)

Komponieren Sie selbst auch?

Um Gottes willen, nein! Dazu habe ich schlicht viel zu oft mit guten Kompositionen zu tun. Momentan arbeite ich an einem Arrangement, das heißt, ich verändere die Ensemble- Zusammensetzung eines bereits vorhandenen Werkes. Das ist zwar viel Arbeit, hat aber nichts mit komponieren zu tun.


Gelingt es Ihnen, das vermutlich recht unterschiedliche Publikum Ihrer Konzerte und Ihrer Filme jeweils für den anderen Bereich zu interessieren oder ist das doch zu verschieden?

Es ist mir ein großes Anliegen, die klassische Musik aus der intellektuellen, leicht versnobten Ecke herauszuholen und die Tatsache, dass sich manchmal Menschen in den Konzertsaal „verirren“, weil sie mich aus dem Fernsehen kennen, ist dabei sicherlich hilfreich. Viele getrauen sich nicht in einen Klavierabend, weil sie das Gefühl haben, etwas „davon verstehen“ zu müssen, dabei müssen sie sich doch nur rein setzen und sich ihren eigenen Gedanken und Emotionen hingeben. Eigentlich ähnlich wie im Kino.


Wie darf man sich einen Klavierabend mit Ihnen vorstellen? Musik pur oder auch eine verbale Heranführung an die Stücke und ihren Hintergrund, ihre Geschichte?

Das ist verschieden. Ich rede aber nicht gerne vor Konzerten. Manchmal erlaube ich mir, im Programmheft etwas über die Musik und meinen Bezug dazu zu schreiben.


Sie erzählten einmal, Sie hätten noch keinen guten Schauspieler getroffen, der nicht auch musikalisch wäre. Wo ist da die Verbindung, der Zusammenhang?

Jeder Satz, den man spricht, hat mit Melodie und Rhythmus zu tun. Jeder Dialekt, jede Sprache, jede Bewegung ist eine andere Musik.


Welche Musik hören Sie privat?

Da bin ich mit meinem Interesse sehr breit gefächert und offen, mit wenigen Ausnahmen. Die Faszination etwa von House-Musik ist noch nicht wirklich bei mir angekommen und ich habe auch Zweifel, dass dies noch passiert. Aber sonst höre ich eigentlich alles.


Als Teenager haben Sie anderthalb Jahre ein College in den USA besucht. Wie hat Sie diese Erfahrung beeinflusst?

Das Faszinierendste war sicher, die Erfahrung zu machen, wie bereichernd es ist, eine Fremdsprache akzentfrei zu lernen und sie zu seiner eigenen zu machen. Zudem war ich an einem College mit Studenten aus über 80 Ländern, das machte es zu einem manchmal auch schwierigen aber extrem interessanten kulturellen Austausch.


Fotograph: Alberto Venzago
Seit März 2008 verbringen Sie einen Großteil Ihrer Zeit in Los Angeles – mit welchen Plänen, welchem Ziel?

Ich würde gerne mehr als Schauspieler in englischsprachigen Produktionen arbeiten. Da mein Englisch ein sehr amerikanisches ist, war Los Angeles die offensichtliche Wahl. Es gibt viele schwierige Menschen in dieser Stadt, aber auch ganz tolle. Die verstecken sich aber etwas besser als, ich sage mal, die Proleten. Das heißt man muss behutsam vorgehen, und das braucht Zeit. Der Anfang war schwer. Aber jetzt habe ich bereits das Glück, von einigen wundervollen Menschen voller Freude empfangen zu werden, wenn ich wieder in L.A. gelandet bin.


In Los Angeles gibt es sicher viel mehr Konkurrenz im Filmgeschäft als in der Schweiz oder in Deutschland. Gleicht sich das dadurch wieder aus, dass dort auch mehr produziert wird?

Da ich ein sehr optimistischer Mensch bin, hoffe ich das auch immer wieder (lacht). Ich kann das aber nicht wirklich abschätzen, zumal die Dunkelziffer bei Schauspielern in Los Angeles viel größer ist als jene bei uns. Es ist ja nicht so, dass jeder Schauspieler nebenher noch Taxi fährt, sondern jeder Taxifahrer ist „eigentlich“ Schauspieler.


In einem anderen Interview haben Sie gesagt, dass Sie noch nie in einem wirklich guten Film gespielt hätten und das noch kommen müsse. Was macht für Sie einen wirklich guten Film aus?

Nicht unbedingt das Genre, sondern das Niveau. Um wieder die Musik als Vergleich beizuziehen: hätte ich die Chance, einen Film auf dem dramaturgischen, stilistischen und geschmacklichen Level der h-moll Sonate von Chopin zu machen, wäre ich wirklich gesegnet. Aber solche Drehbuchautoren sind wohl eben so eine Ausnahmeerscheinung wie Chopin selbst es war.


Sie besitzen einen Motor- und Segelflugschein.

Momentan besitze ich leider gar keinen Flugschein mehr. Das Motorfliegen hat mir in Amerika Spaß gemacht, da hat man noch Platz, der Luftraum ist nicht so überfüllt. In der Schweiz hat man ja kaum Zeit, aus dem Fenster zu schauen, man ist dauernd am funken, in einen anderen überwachten Luftraum navigieren ... . Das Segelfliegen ist ganz anders und das werde ich auch wieder aufnehmen, wenn ich etwas mehr Zeit habe.


Was finden Sie dort in der Luft, was Ihnen auf Erden fehlt?

Mir fehlt nichts auf Erden. Aber fliegen ist halt ein alter Menschheitstraum. Und das Segelfliegen ist wirklich ein Naturerlebnis. Diese Kräfte, wenn man die nur besser nutzen könnte. Der Weltrekord im Segelfliegen beträgt 2000 km, mit purer Windkraft und Thermik, einmal ganz Neuseeland rauf und runter!


Ist in Ihrem Leben noch Platz für andere Interessen/Hobbies?

Ich koche liebend gerne. Es ist jedes Mal wie ein spannender, auch kreativer Prozess. Ich bewundere gute Köche, sie sind wirklich Künstler!


Was wäre das größte Kompliment, das Ihnen jemand machen könnte?

Wenn mir jemand, der weiß, wovon er spricht, sagen würde, ich hätte es geschafft, mein Ego aufzugeben.


Wie meinen Sie das? Beziehen Sie das auf Ihre künstlerische Arbeit?

Nein, das beziehe ich ganz einfach auf das Menschsein.

  

© Bianka Kaspar
2008



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