[Interviews] [Reisen] [Lounge] [Newsletter]
Bookmark and Share

Entdecke Deine Möglichkeiten!

ein Interview mit Thomas Höhne

 

 – Schauspieler (TV: “Wilde Herzen“, “Das Glück wohnt hinterm Deich“, “Für alle Fälle Stefanie“, “Alphateam“, “Lindenstrasse“, “Tatort“, “SOKO 5113“, “Verbotene Liebe“ etc.; Theater: “Sommernachtstraum“ (Shakespeare), “Die Räuber“ (Schiller), “Tod eines Handlungsreisenden“ (A. Miller), “Ein Volksfeind“ (H. Ibsen) u.a.), Theater-Regisseur (z.B. “Sugar – Manche mögen’s heiß“) und Schauspiel-Lehrer

 

Jahrgang 1964, verheiratet, zwei Kinder, lebt im Nordschwarzwald in der Nähe von Baden-Baden.



Du arbeitest seit mehreren Jahren auch als Regisseur. Fällt es Dir seitdem schwerer, in einer neuen Produktion ggf. wieder ausschließlich Darsteller zu sein?

Grundsätzlich nicht. Natürlich gibt es Situationen, wo ich mich dann als Schauspieler wieder mehr zurücknehmen muss. Der Produktionsablauf am Theater ist zwar einerseits sehr auf Kommunikation angelegt, aber andererseits eben auch arbeitsteilig. Manchmal muss ich mir dann, wenn ich wieder als Schauspieler arbeite, schon auf die Zunge beißen und mir sagen: Dafür bist du jetzt nicht zuständig.
Aber beim eigentlichen Probieren, beim Spielen, bei der lustvollen Auseinandersetzung mit der Rolle und den Partnern kann es sogar manchmal helfen, die andere Seite zu kennen.

 

Thomas Höhne
© Thomas Höhne (privat)
Thomas Höhne


Gibt es ein Stück bzw. eine Rolle, woran Du Dich als Schauspieler und/oder Regisseur nie ’heranwagen’ würdest?

Natürlich hat man schon Stücke gelesen, mit denen man schlichtweg nichts anfangen kann. Wo so gar keine Phantasie angeht. Wenn das selbst bei wiederholter Beschäftigung mit dem Material so bleibt, sollte man wahrscheinlich die Finger davon lassen.
Ansonsten wüsste ich jetzt keinen Grund, etwas nicht zu wagen. Das tolle an Theater ist doch, dass es vom Grundsatz her sozusagen immer ein Versuch, ein Wagnis ist. Das Durchspielen eines Gedankenmodells! Wir bearbeiten ohnehin ’nur’ Stufen des Scheiterns: “Scheitern, wieder Scheitern, besser Scheitern“ (S. Beckett). Und das macht Mut zum Losgehen und Ausprobieren.


Thomas Höhne in Shakespeare’s “Hamlet“ Freilichtspiele Schwäbisch Hall - 1997
© Freilichtspiele Schwäbisch Hall
Fotograf: W. Pabst
Thomas Höhne in Shakespeare’s “Hamlet“ Freilichtspiele Schwäbisch Hall - 1997
Ich habe gehört, dass damals in der DDR erst ein anderer ’richtiger’ Beruf erlernt werden musste, bevor man einen künstlerischen studieren durfte. War das bei Dir auch so?

Also, man musste entweder einen Beruf erlernt oder das Abitur haben. Ich habe Abitur.


Wenn Du jetzt erneut vor der Wahl stehen würdest, würdest Du wieder Schauspiel studieren?

Ja.
Oder ich würde Forstwirtschaft studieren und Revierförster werden.


Du bist also auch ein sehr naturverbundener Mensch?

Ja. Ich bin einfach sehr gerne “draußen“.
Außerdem sind gute Freunde von uns Förster und ich finde, dass die (auch) einen ganz tollen Beruf haben …


Was hat Dich veranlasst, parallel zu Deinen anderen Aktivitäten Schauspiel-Lehrer/Dozent zu werden?
Thomas Höhne in “Kasimir und Karoline“ Freilichtspiele Schwäbisch Hall - 2002
© Freilichtspiele Schwäbisch Hall
Fotograf: J. Weller
Thomas Höhne in “Kasimir und Karoline“ Freilichtspiele Schwäbisch Hall - 2002

Das ist erstmal auch eine ganz pragmatische Geschichte. Als Schauspieler gibt es immer wieder Arbeitsphasen, in denen man sich neu orientieren muss. Oft ausgelöst durch das freiwillige oder unfreiwillige Ende eines Engagements. So habe ich Mitte der 90er Jahre, als mein Engagement in Krefeld/Mönchengladbach endete, das Angebot der Leipziger Theaterhochschule, deren Absolvent ich bin, dort Schauspielunterricht (Einrichtung eines Szenenstudiums) zu geben, angenommen. Das war meine erste Arbeit als Schauspiellehrer. Dieses Szenenstudium hat dann der damalige Intendant des Theaters in Wismar gesehen und mich anschließend gefragt, ob ich bei ihm inszenieren möchte. Und so kam ich zu meiner ersten Regie (“Lederfresse“ von Helmut Krausser). Das hat mir alles so viel Spaß gemacht, dass ich mich dann an der Schauspielschule in Bochum als Gastdozent beworben habe (ich war mittlerweile am Stadttheater in Wuppertal engagiert) und seitdem kontinuierlich (u.a. eben an der Schauspielschule Bochum, sowie an der Schauspielschule “Arturo“ in Köln oder für “Castingtrainer“ oder an der Landesakademie für Schulkunst Baden-Württemberg) auch als Schauspiellehrer/Dozent arbeite. Und seit dieser Zeit arbeite ich auch als Regisseur.
Natürlich war das Ausschlaggebende für diese Entwicklung, dass ich auf die Arbeit mit Menschen immer äußerst neugierig war und bin.


Hast Du Dich, um diese Aufgaben erfüllen zu können, auch abseits des Künstlerischen fortgebildet?

Für meine Tätigkeiten als Schauspielpädagoge habe ich mich über mein Studium hinaus noch mal gezielt mit Schauspieltheorie und dem methodischen Arbeiten von Schauspielern anhand von Literatur (Stanislawski, Strasberg, Brecht, Johnstone u.a.) beschäftigt. Außerdem habe ich immer wieder selbst Kurse zu den verschiedensten Themen belegt.
Z.B. habe ich auch an einem Seminar zum Thema: „Zielbewusst und systematisch zusammenarbeiten“ teilgenommen oder mich in Workshops mit Fragen der Präsenation und Kommunikation über das rein Schauspielerische hinaus auseinandergesetzt.
Aber das Entscheidende ist die berufliche Vielfalt der letzten Jahre und die damit verbundenen Begegnungen mit Menschen, die ich erfahren durfte.

Das Theater Baden-Baden -<br>eine der Wirkungsstätten von Thomas Höhne
© Bianka Kaspar
Das Theater Baden-Baden -
eine der Wirkungsstätten von Thomas Höhne


Was würdest Du sagen, ist die wichtigste Überlegung, die ein Schauspiel-Schüler anstellen sollte, bevor er sich für diesen Beruf entscheidet?

Ich glaube, das ist letztlich sehr einfach: Habe ich Talent und Leidenschaft zur Sache?
Natürlich drängt sich damit die Frage auf, was Talent und Leidenschaft eigentlich ist.
Und da fängt es auch schon an schwieriger zu werden, denn Talent kann sich auf sehr unterschiedliche Weise zeigen. Vielleicht kann man verkürzt sagen: Schauspielerisches Talent ist die Fähigkeit, sich in eine vorgegebene Situation hineinversetzen zu können und die sich daraus ergebenden Vorgänge spielen zu können. Dabei muss man gar nicht wissen, was Situation und Vorgang bedeutet, aber eben das Talent lässt einen dies spielerisch entdecken.
Tja und mit Leidenschaft meine ich, wie sehr treibt mich der Wunsch, der Gedanke, Schauspieler zu werden, um. Verführt er mich zum Theaterbesuch, zum Lesen, zum bewußteren Umgang mit Sprache (Spaß am laut lesen z.B. von Lyrik), zum ’anders’ Film schauen, zur Neugierde auf Menschen und Situationen … oder bin ich nur dem Klischee vom “Schauspieler sein“ aufgesessen.


Hast Du schon mal einem Deiner Schüler von einem Schauspiel-Studium abgeraten oder wäre Dir so eine Aussage zu heikel?
Thomas Höhne mit Max Ruhbaum in “Der Volksfeind“<br>Theater Baden-Baden - 2009
© Theater Baden-Baden/Fotograf: J. Klenk
Thomas Höhne mit Max Ruhbaum in “Der Volksfeind“
Theater Baden-Baden - 2009

Als Beschreibung eines momentanen Zustands und unter Verweis auf meine Subjektivität tue ich dies sogar ziemlich oft.
Gerade in den Schauspielkursen, die ich unter “Castingtrainer“ gebe, bin ich dazu aufgefordert, realistisch einzuschätzen, ob jemand es bei einer Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule schaffen könnte. Nicht selten muss ich dann sagen, dass ich das, was ich im Moment erkennen kann, nicht für ausreichend halte. Wichtig dabei ist mir allerdings immer, die Möglichkeit zur Entwicklung aufzuzeigen und zu betonen, dass es sich um eine subjektive Einschätzung handelt. Und ich will und kann natürlich niemanden daran hindern, es einfach zu versuchen.


Zu Beginn Deiner Kurse machst Du Übungen, die zwar sicher auch dazu beitragen sollen, dass die Teilnehmer lockerer werden und Spaß haben, aber das Ziel dahinter ist die Schulung der Aufmerksamkeit. Warum ist Aufmerksamkeit für einen Schauspieler so wichtig?

Aufmerksam sein oder anders formuliert, wahrnehmen, ist der Ausgangspunkt von all unserem Handeln. (Im Übrigen ja nicht nur in der Schauspielerei.) Der Schauspieler muss sich dessen sehr bewusst sein. Nur wenn ich etwas wahrnehme, kann ich es verarbeiten und als Handlungsimpuls nutzen.


© Thomas Höhne (privat)
Aufmerksame Wahrnehmung ist also im Prinzip auch eine Art Hilfsmittel, indem der Schauspieler abseits seiner eigenen Rolle die gesamte Szene erfasst und so ggf. ’natürlicher’ reagiert’?

Mmh, naja, ich würde nicht sagen Hilfsmittel. Eher ist das aufmerksame Wahrnehmen das Einmaleins des Schauspielers. Wahrnehmen - Bewerten – Handeln!
Und in der Art und Weise des Bewertens bzw. des daraus resultierenden Handelns zeigt sich die eigene Rolle und Figur ….


Ich würde gerne mal, anhand eines Beispiels, einen kleinen Ausflug in einen Deiner Kurse machen: Wie erschafft man z.B. Präsenz auf der Bühne, um auch aus den hinteren Reihen wahrgenommen zu werden und nicht neben anderen Darstellern ’unterzugehen’?

Wir machen in den Kursen natürlich viele Übungen zum Thema Präsenz, Ausstrahlung, nonverbale Kommunikation, Wahrnehmen, Sensibilität und anderem.
Dabei arbeite ich nicht mit Begriffen wie laut, leise, fröhlich, traurig …, sondern mit konkreten Absichten und Situationen: Was will ich?
Eine Beispielübung: Wir erstellen ein so genanntes Kommunikationsnetz. Die Teilnehmer stehen im Kreis und verteilen in beliebiger Reihenfolge verschiedene Begriffe zu einem Thema (z.B. verschiedene Farben). Jeder Teilnehmer wird also eine Farbe von jemandem bekommen und einen andere Farbe an jemand anderen weitergeben. Die entstandene Reihenfolge wird kurz wiederholt und “abgespeichert“. Nun werden neue Begriffe zu einem neuen Thema (vielleicht ein Lebensmittel) in einer neuen Reihenfolge verteilt. Auch dieser neu entstandene Ablauf wird kurz geübt. Dann werden die beiden Abläufe zusammengetan. Die Teilnehmer haben die Verantwortung, dass kein Begriff verloren geht. Natürlich gibt das ein (organisiertes) Chaos. Man muss sehr aufmerksam, sehr aktiv sein und kann durchaus auch gezwungen sein, stark aus sich heraus zu gehen, um diese Aufgabe zu erfüllen.
Die Anzahl der Begriffe kann dabei selbstverständlich gesteigert werden.


Gibt es einen ’heißen’ Tipp, den Du Deinen Schauspiel-Schülern mit auf den Weg gibst, sollten sie einmal – aus Lampenfieber oder anderen Gründen – ihren Text auf der Bühne vergessen?

Thomas Höhne <br>bei einem Präsentations-Workshop
© Bianka Kaspar
Thomas Höhne
bei einem Präsentations-Workshop
Leider gibt es da kein Patentrezept. Aber man sollte versuchen, ruhig zu bleiben, sich auf die erarbeitete Situation konzentrieren und dem Partner zuhören. Vor allem aber nicht rückwärts denken und sich über den Fehler ärgern.
Und ein bisschen ist es auch situationsabhängig. Ich habe einmal in einer Komödie nicht weiter gewusst und dann zum Publikum gesagt: „So, und jetzt lernen Sie auch noch unsere Souffleuse kennen. Wie geht’s denn weiter, Heike?“


Du hast auch schon mit Schulklassen gearbeitet. Wie gestaltet sich dort die Arbeit und was ist die Zielsetzung dahinter?

Vordergründig ist die Zielsetzung natürlich sehr abhängig vom Kontext.
Also, unterstütze ich z.B. eine Schultheatergruppe bei der Inszenierungsarbeit oder entwickle mit einer Schulklasse ein Märchen oder gebe einen allgemeinen Schauspiel-Workshop zum Thema “Grundlagen des Theaterspielens“, so können die Ziele/Ergebnisse sehr verschieden aussehen.
Darüber hinaus geht es aber vor allem um positive Erfahrungen.
Ziel ist für mich, den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie etwas können, von dem sie vielleicht vorher gar keine Ahnung hatten. Die Überschrift ist sozusagen: Entdecke Deine Möglichkeiten!


Einer meiner persönlichen Lieblingsfilme ist “Manche mögen’s heiß“ mit Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon. Du warst kürzlich für die Inszenierung der Bühnenfassung am Theater Baden-Baden verantwortlich. Braucht es dazu besonderes Selbstbewusstsein, um eine so bekannte und erfolgreiche Komödie in einer neuen Version auf die Bühne zu bringen?

Ich weiß nicht, ob das eine Frage des Selbstbewusstseins ist.
Auch ich liebe den Film sehr und ich verneige mich vor Billy Wilder.
Der Umgang mit dem Erfolg des Films ist sowohl Lust als auch Last. Natürlich überwiegt die Lust ein solches Material bearbeiten zu dürfen bei Weitem, aber man ist eben auch zum Erfolg verurteilt. Nicht zuletzt knüpfen sich an eine solche Produktion auch gewisse ökonomische Erwartungen von Seiten der Theaterleitung.


Was ist die größte Herausforderung dabei?

Nicht etwas nachspielen zu wollen, sondern alle (noch so bekannten) Situationen von innen her zu begründen und notwendig werden zu lassen.

.
Thomas Höhne in der ARD-Produktion “Verbotene Liebe“<br>Folge 1520 vom 23.05.01 im Ersten
© ARD/Anja Glitsch
Thomas Höhne in der ARD-Produktion “Verbotene Liebe“
Folge 1520 vom 23.05.01 im Ersten

Wofür ist ein Regisseur bei einer Theater-Produktion alles verantwortlich?

Stücksuche, Konzept, Besetzung, Teambildung, Motivation, Konzentration, Organisation, Konfliktmoderation … und dann Beobachten, Beschreiben, Möglichkeiten aufzeigen, positive Irritationen setzen … und schließlich Entscheidungen treffen.


Was ist unter “positiven Irritationen“ zu verstehen?

Wir alle sind geneigt, eher auf Bewährtes und Abgesichertes zurückzugreifen. Dasmuss auch nicht falsch sein. Das Rad muss nicht ständig neu erfunden werden. Trotzdem sollten wir uns immer wieder fragen: Könnte es auch anders sein? Sich in Frage zu stellen, ist für einen kreativen Prozess unverzichtbar.
Es gibt immer Möglichkeiten und Wege von deren Existenz wir (erstmal) keine Ahnung haben.
Um diese zu entdecken, brauchen wir “positive Irritationen“ und Konflikte …


Würdest Du auch gerne einmal bei einem Film Regie führen?

Vielleicht würde ich das gern tun, aber mir ist klar, dass dies eine ganz andere Arbeitsweise ist, die sehr viel spezifische Fachkenntnis erfordert. Die habe ich schlichtweg nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, mein Weg ist das Theater und die damit verbundenen Themen.


Was ist, Deiner Meinung nach, der größte Fehler, den man als Regisseur machen kann?

Den Kontakt zu verlieren, zu den Schauspielern oder auch zum Stück.


Gibt es ein künstlerisches Ziel, eine Vision auf die Du langfristig hinarbeitest?

Nicht im Sinne einer Strategie. Aber jederzeit offen zu sein für neue Begegnungen und Herausforderungen und entstehende Möglichkeiten aktiv zu nutzen und zu gestalten, halte ich für ein lohnendes Ziel.
„In Bereitschaft sein ist alles!“ (Hamlet)

 

Bianka Kaspar mit Thomas Höhne<br>vor dem Theater Baden-Baden
© Bianka Kaspar
Bianka Kaspar mit Thomas Höhne
vor dem Theater Baden-Baden

 © Bianka Kaspar
2009



Hat Ihnen der Artikel gefallen? Wenn ja, dann bitten wir um Unterstützung von:

UNICEF - dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen
http://www.unicef.de/spenden


Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
http://www.bund.net[...]index.php?f=spenden



zur Druckansicht


Hinweis: Bitte nutzen Sie für den Ausdruck den Browser 'Mozilla Firefox', da ein korrekter Ausdruck beim 'Internet Explorer' technisch leider nicht möglich ist.


Startseite | Interviews | Reisen | Lounge | Newsletter | Kontakt | Impressum + Datenschutz