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Die Kunst der Miniatur

ein Interview mit Harald Lehner


– Bonsai-Spezialist, Hotelkaufmann und Reise-Veranstalter –

 

Jahrgang 1961, verheiratet, lebt in Hofstetten (Bayern)

 

 

Was genau bedeutet der Begriff ’Bonsai’?

Bon bedeutet Baum und Sai steht für Gefäß oder Schale, also Baum in der Schale oder Baum in einem Gefäß.


Hinter dem Namen steht ja auch eine Philosophie … .

Die Grundphilosophie liegt darin, ein Ebenbild eines großen Baumes in einer Schale gepflanzt nachzugestalten.
Man muss unterscheiden zwischen Indoors (Bäume für die Wohnung) und Outdoors (Bäume fürs Freiland). Ich arbeite ausschließlich mit der richtigen Kunst, Bäume im Freien zu halten.


 Harald Lehner mit Hideo Kato in Japan.
© Harald Lehner
Harald Lehner mit Hideo Kato in Japan.


Bonsai-Gartenkunst kam ursprünglich aus China nach Japan. Gibt es zu den Anfängen und der Philosophie dahinter eine Geschichte?

Es gibt eine sehr schöne Geschichte: Eines Tages auf einer langen Reise im Winter kam ein Kaiser zu einem Samurai. Das Holz war knapp und als nichts mehr vorrätig war, verbrannte der Samurai seine Bonsai, um den Kaiser zu wärmen.
Der Ursprung ist schon China anzurechnen. Es war nur dem Kaiserhaus und hohen Adeligen gestattet Bonsai zu halten. Erst im 17. Jahrhundert kam die Kunst nach Japan.
Auch hier waren es buddhistische Hintergründe. Erst später durfte sich auch das Volk mit der Zucht der kleinen Bäume befassen. Heute ist Japan weltweit führend in der Kunst der Bonsai, dicht gefolgt von Europa.


Was macht einen guten Bonsai aus?

Wenn man einen Baum in der Schale vor sich sieht und man ist überwältigt vom Aussehen, der Reife, dem Charakter, den Wurzeln, dem Aufbau, dem passenden Gefäß, dann spricht man von einem guten Bonsai.

Azalee in voller Blüte.
© Harald Lehner
Azalee in voller Blüte.

Wie gelingt es, die Bäume so klein zu halten, ohne ihre Entwicklung komplett zu hemmen?

Es ist ein jahrzehntelanger Prozess von wachsen lassen und schneiden.


Sind die verschiedenen Formen nur optische Geschmackssache oder haben sie auch eine unterschiedliche Bedeutung?

Die Bäume in der Schale werden ihren großen Vorbildern aus der Natur nachempfunden oder besser nachgestaltet. Die Orientierung liegt jedoch beim Original.
Es gibt unterschiedliche Stilrichtungen, wie streng aufrecht (also ganz gerade) oder frei aufrecht (leichte Bewegungen) einen Doppel- oder Dreifachstamm, einen Wald mit vielen einzelnen Pflanzen usw.


Wie alt kann ein Bonsai-Baum bei guter Pflege werden?

Der älteste mir bekannte Baum in Omiya, Japan ist im Besitz der Familie Kato und ist ein Wacholder mit über 800 Jahren. In den Rocky Mountains in den USA gibt es kalifornische Wacholder, die nur 80 cm hoch und weit über 1.000 Jahre alt sind.


Sind diese Bäume dann von Natur aus so klein geblieben ohne das Zutun eines Menschen?
Herbst-Stimmung im Bonsai-Garten in Hofstetten.
Herbst-Stimmung im Bonsai-Garten in Hofstetten.

Ja, das kommt durch einen schlechten Standort, viel Schatten, viel Kälte und Schnee, durch widrige Witterungseinflüsse, durch Wildverbiss, keine Nahrung, wenig Sonne und durch Steinschlag im Gebirge.


Ist es möglich, praktisch aus jedem Baum einen Bonsai zu machen, z.B. auch aus einer Birke?

Grundsätzlich ja, jedoch z.B. bei einer Birke kann es sein, dass trotz bester Pflege einmal ein ganzer Ast abstirbt und den Aufbau zu Grunde macht. Also, es ist fast aus jedem Baum oder Busch möglich, jedoch mit Einschränkungen.


Wo liegen die Grenzen der Gestaltung?

Die muss jeder Gestalter für sich selbst setzen. Bei mir ist das ganz klar, was die Natur vorgibt und was passieren kann, stecke ich auch in meine Pflanzen.


Was ist das Ziel eines Bonsai-Gärtners für seine  Pflanze?

Das Ziel ist bei mir a) die Gesundheit der Bonsai und b) wenn ein ganz unbelasteter Besucher meinen Garten betritt und vor einem Baum steht, und er im Bauch, der Seele oder im Herz etwas spürt, dann ist mein Ziel erreicht, jemandem für kurze Zeit ein angenehmes Gefühl zu vermitteln.


Von der Natur geformter Stamm eines Chinesischen Wacholder.
Von der Natur geformter Stamm eines Chinesischen Wacholder.
Welche Rolle spielt der Bonsai im Leben der Japaner? Bäume werden ja oft über Generationen hinweg weitergegeben.

Die Rolle in Japan ist die gleiche wie bei uns: In erster Linie hat man Freude an guten Bonsai. Wir würden noch das Wort Hobby oder Beschäftigung hinzufügen.


Du veranstaltest Gruppen-Reisen nach Japan, die den Besuch privater Bonsai-Gärten beinhalten. Wie kam es dazu?

Pfingsten 1996 konnte ich den Bonsai Club Deutschland überreden, endlich mal von Turnhallen-Ausstellungen wegzukommen und für vier Tage zu uns in ein Münchner First-Class-Hotel zu kommen. Ich habe günstige Konditionen angeboten und die vier Tage waren mit knapp 3.000 Besuchern ein voller Erfolg (auch für das Hotel)!
Dort war Herr Hideo Kato zu Gast. Herr Kato war einer der besten Bonsai-Gestalter und Kenner Japans. Leider ist er bereits im Jahre 2002 verstorben. Der Veranstalter – also der Bonsai Club Deutschland – hatte
Der Goldene ’Kinkakuji’ Tempel in Kyoto.
© Harald Lehner
Der Goldene ’Kinkakuji’ Tempel in Kyoto.
ihn an seinem Abflugtag total vergessen. So habe ich mir am Dienstag nach Pfingsten frei genommen und einen Tag mit Herrn Kato und seiner Dolmetscherin in München verbracht. Stadt, Shopping, Mittagessen beim Generalkonsul usw. Am Abend habe ich Herrn Kato zum Flughafen gefahren und er sagte dann nur, dass ich mich melden solle, wenn ich jemals nach Japan komme. Gesagt – getan, im November 1996 bin ich das erste Mal nach Japan geflogen und Herr Kato hat mich zum Dank für die paar Stunden Kümmern in München eine Woche in Japan’s Bonsai-Welt eingeführt.


… und diese Welt wolltest Du dann auch anderen Interessierten zugänglich machen.

Ab 1997 habe ich Bonsai-Interessierte mit nach Japan genommen, um Ihnen die Schönheiten von Bonsai und dem Land zu zeigen.


Federahorn
© Harald Lehner
Federahorn
Ist Dir die Entscheidung schwer gefallen, Ende 2002 aus einer leitenden Vollzeit-Stelle in der Hotellerie heraus, Dich im Bereich Bonsai-Handel selbständig zu machen?

Ich habe bereits zeitgleich mit meiner Hotelleriezeit meinen Bonsai-Garten selbständig geführt. Die absolute Umstellung war im ersten Jahr sehr schwer, da ich auch sehr gerne im Hotel tätig war. Es waren doch 20 schöne Jahre.


Der Vorteil einer Bonsai-Pflanzung ist ja, dass der Betrachter zur gleichen Zeit das Ganze sehen kann und aber auch jedes Detail. Was würdest Du nun einem Kritiker sagen, der findet, dass es sich bei der Bonsai-Züchtung um einen massiven Eingriff in die Natur handelt und ein Bonsai ein Kunst-Produkt ist?

Jeden, der solche Behauptungen bei mir aufbringt, frage ich, was er mit seiner Tujahecke im Garten macht. Er schneidet sie penibel und mehrmals jährlich. Eine Tuja könnte auch bis zu 20 Meter hoch werden. Was passiert mit Apfelbäumen im Garten? Sie werden immer geschnitten, dass sie zugänglich bleiben. Weinreben? Kübelpflanzen? Alles wird geschnitten, nur bei Bonsai finden Kritiker immer was … .


Ein Stein wie ein Gebirge – ein Kunstwerk der Natur.
Ein Stein wie ein Gebirge – ein Kunstwerk der Natur.


Was sollte ein Interessierter bedenken, der sich zum ersten Mal einen Bonsai-Baum anschaffen möchte?

Er sollte sich vorab mit den Ansprüchen der Pflanze vertraut machen, ob er überhaupt die Möglichkeiten fachgerechter Pflege bieten kann.


Wie hoch sind die Kosten für die Pflanze und das benötigte Werkzeug und mit welchem Zeitaufwand muss man rechnen?

Ein eigener Wald: ca. 30 Jahre alt und benötigt nur wenige Zentimeter Platz.
Ein eigener Wald: ca. 30 Jahre alt und benötigt nur wenige Zentimeter Platz.
Eine schöne, reife Jungpflanze bekommt man schon ab ca. fünfzig Euro, eine Standardschere kostet neunzehn Euro. Zeitaufwand täglich nach Anzahl der Pflanzen.
Eine reife Pflanze die alle Kriterien erfüllt wird in Japan durchaus mit einer viertel Million Euro gehandelt.


Ein Bonsai braucht also tägliche Pflege?

Ja, um einen Bonsai sollte man sich schon täglich kümmern. Also, mindestens einmal nach ihm schauen und gießen.
Die Bäume brauchen die Natur, das heißt Sonne, Licht und Wasser. Sie brauchen Wärme genauso wie kalte Nächte. Sie brauchen 30 Grad plus im Sommer und 15 Grad Kälte und mehr im Winter.


Was braucht es, um ein guter Bonsai-Gärtner zu werden?

Geduld und die Bereitschaft, Rückschläge zu verkraften.


Wie und wann hast Du angefangen, Dich mit Bonsai, Japan und Gärten zu beschäftigen?

Den ersten Baum habe ich im Frühjahr 1984 bekommen. Er ist schnell gestorben. Dann habe ich mir ein Buch gekauft, gelesen und neu begonnen.
Mit Japan beschäftige ich mich seit 1996, einstweilen 26 Besuche in Japan. Mit Gärten erst seit ein paar Jahren.


Also etwas Literatur und der Rest dann Erfahrungslernen?

Ja, so ungefähr und jetzt sind wir bei meinem „Lieblingshobby“ in der Leidenschaft Bonsai: Ich sammle alle Bücher und vor allem japanische Bildbände in limitierter Auflage aus Japan.
Literatur lesen, Ausstellungen besuchen und sehen, sind die wichtigsten Grundlagen, Bonsai zu verstehen.


Ein Japanisches Teehaus mitten in Bayern.
Ein Japanisches Teehaus mitten in Bayern.
… und heute bezeichnet Dich der Bayerische Rundfunk als “Deutschen Bonsai-Papst vom Ammersee“, Du bist Mitveranstalter von Bonsai-Ausstellungen und hast Dir in der Branche einen Namen gemacht. War das zielstrebig erarbeitet oder hat sich das einfach so ergeben?

Das war übertrieben! Es gibt viele gute Leute in Bayern, die Bonsai machen. Ich hatte dank Herrn Kato sehr viel Glück, in Japan bekannt zu werden.
Den Namen habe ich mir erst machen können, als ich im Juni 2001 in München die 4th World Bonsai Convention recht erfolgreich organisiert habe. Das war wirklich ein tolles Erlebnis!


Wie kam es dazu, dass Du diese Ausstellung organisiert hast und warum gerade in München?

Ich wurde im September 1997 von der Leitung der European Bonsai Association (mit Sitz in Brüssel) gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, eine große Ausstellung zu organisieren. Im November bin ich dann nach Seoul/Korea geflogen und habe das Grundkonzept vor der World Bonsai Friendship Federation, in der je ein Vertreter aus allen Erdteilen sitzt, für die 4th World Bonsai Convention 2001 präsentiert und gewonnen.
Somit hatte ich knapp drei ein halb Jahre Zeit zur Organisation.
Warum in München? In München hatte ich aus der Hotellerie die besten Kontakte und ich kenne München bei Tag und bei Nacht.


Was macht für Dich die Faszination an Bonsai aus?

In Japan von den besten Meistern in ihre Privathäuser/-gärten geladen zu werden!


Du hast also viele persönliche Kontakte nach Japan. Sprichst Du denn Japanisch?

„Nihon go wá totemo muszukashi desu!“ - „Japanisch ist eine schwierige Sprache.“
Leider nicht gut genug, jedoch komme ich zurecht. Wichtig ist, sich in Japan immer etwas Gutes zu Essen bestellen zu können – und das geht.

 

Bianka Dimitriou mit Harald Lehner in seinem Teehaus.
Bianka Dimitriou mit Harald Lehner in seinem Teehaus.



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