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“Ich will es wirklich wissen.“

ein Interview mit Gregory B. Waldis

 

Schauspieler (TV: “Tierärztin Dr. Mertens“ (Serie), “Tag und Nacht“ (Serie), “Sturm der Liebe“ (Telenovela), “Utta Danella: Wenn Träume fliegen“, “SOKO 5113“, “Hinter Gittern“ etc.; Theater: “Macbeth“, “Cyrano de Bergerac“ u.a.) Berufserfahrung als Bühnenbildner, Beleuchter und Maurer –

 

Jahrgang 1967, in Hollywood geboren, Mutter Dänin, Vater Schweizer, leidenschaftlicher Gleitschirm-Flieger.

 

 

 

In Ihrer Vita findet sich der Hinweis, dass Sie fechten können. Gehört das standardmäßig zur Schauspiel-Ausbildung oder haben Sie ein konkretes Interesse daran? Könnten Sie es noch gut genug, wenn Sie jetzt ein entsprechendes Rollen-Angebot bekämen?

 

Gregory B. Waldis
© Heike Steinweg
Gregory B. Waldis
In der Schauspielschule erlernt man das so genannte “Bühnenfechten”. Die Bewegungen sind hier wesentlich langsamer, größer und damit effektvoller als beim Sportfechten. Gegen einen echten Fechter hätte ich wohl keine Chance, aber auf der Bühne kann ich damit durchaus bestehen. Bei „Cyrano de Bergerac“ zum Beispiel wurde viel gefochten.

 

 

Wie sind Sie zum Gleitschirm-Fliegen gekommen?

 

Ich habe damals mit einem Freund eine Wanderung unternommen. Wir wollten von Winterthur (in der Schweiz) nach Italien laufen. Wir waren jedoch überhaupt nicht vorbereitet und einfach nicht genug trainiert. Als wir nach einigen Tagen in Liechtenstein ankamen, haben uns schon die Beine wehgetan. Wir sind dann noch weiter bis Österreich, doch als es dann dort hügelig wurde, konnten wir einfach nicht mehr. Und da haben wir dann die Gleitschirm-Flieger gesehen und uns gedacht, für was sollen wir uns jetzt hier noch anstrengen, wenn man auch fliegen kann.

Etwas später habe ich dann einen Kurs besucht. Das war 1992, als ich mit dem Fliegen angefangen habe und auch sehr schnell sehr begeistert war. Mich hatte sozusagen der alte Traum der Menschheit gepackt.

Beim Tegelberg, wo ich gewohnt habe, lebte ja vor ca. 150 Jahren König Ludwig II. im Schloss Neuschwanstein und er hatte damals schon diese Vision eines Heißluftballons, der mit einer Kordel vom Schloss auf den Gipfel des Berges verbunden sein sollte, damit er mit dem Ballon einfach hoch auf den Berg und wieder runter käme. Damals haben alle gesagt, er sei verrückt, aber wenn man da jetzt so drüberfliegt, dann denkt man sich schon, wow, das ist genau die Vision vom König Ludwig, die wir jetzt ausleben.

 

 

Haben Sie auch schon mal eine brenzlige Situation beim Gleitschirm-Fliegen erlebt?

 

Ja, ich hatte eine einzige Situation in den ganzen Jahren.

Ein einziges Mal bin ich in eine Turbulenz reingeraten, wo ich nicht wirklich aufgepasst hatte. Denn ich hätte eigentlich wissen müssen, dass das gefährlich ist. Danach habe ich dann drei Wochen gebraucht, um das zu verarbeiten und drüber nachzudenken, was ich falsch gemacht hatte.

Natürlich gab es auch schon Momente, wo ich dachte, jetzt landest Du halt im Baum. Das ist aber nicht schlimm. Eine Baum-Landung ist immer peinlich und unangenehm. Man hängt dann da oben und muss warten, bis die Rettung kommt. Gefährlich wird’s nur, wenn man zu ungeduldig ist, um zu warten und sich dann selbst befreien will. So ist leider auch ein Bekannter von mir ums Leben gekommen.

 

 

Gregory B. Waldis beim wahrgewordenen Traum vom Fliegen.
© Gregory B. Waldis
Gregory B. Waldis beim wahrgewordenen Traum vom Fliegen.
 

 

Sie reiten und spielen Keyboard – beides auch Hobbies von Ihnen?

 

Vernachlässigte, leider. Ich hab mal angefangen, ein wenig Klavier zu spielen, aber es reicht gerade mal, um mir in traurigen Momenten den Blues zu geben. Zur Zeit klimpere ich wieder öfter auf meiner Gitarre.

Und Reiten hab ich für’s Spielen ein wenig gelernt. Ich musste allerdings feststellen, dass zwischen “auf dem Pferd sitzen und nicht runterfallen, so dass es hübsch aussieht“ und “reiten können“ ein paar Jahre intensiven Trainings liegen.

 

 

Sie haben kürzlich für die ARD-Serie “Tierärztin Dr. Mertens“ gedreht. Wie gelang Ihnen hier das Zusammenspiel mit den Tieren?

 

Einerseits ist es sehr schön, weil man so nah an die Tiere rankommt wie sonst kaum jemand. Zum Beispiel in der zweiten Woche, in der wir gedreht haben, ist ein Giraffen-Junges zur Welt gekommen. Das haben wir hautnah miterlebt. Wir mussten dann den Dreh abbrechen, weil die ja am Anfang auf keinen Fall gestört werden dürfen.

Andererseits muss man wahnsinnig auf den Rhythmus der Tiere Rücksicht nehmen. Vor 50 Jahren wurden die Tiere im Zoo noch sehr trainiert. Das macht man heute nicht mehr. Man versucht, sie möglichst in einem natürlichen Lebensraum leben zu lassen. Das heißt aber auch, dass sie nicht gehorchen. Die Einfachsten waren die Elefanten. Die reagieren auf Signale. Aber wir hatten auch eine Szene mit einem Nashorn, wo wir wirklich zwei Stunden einfach nur gewartet haben, bis das Nashorn sich umgedreht hat.

Mit Vögeln – u.a. Uhus und ein paar anderen Eulen - habe ich viel gedreht, weil ich ja in der Serie einen Ornithologen spiele. Das war super! Das sind schon sehr beeindruckende Tiere.

 

 

Bei den Dreharbeiten <br>zur ARD-Serie “Tierärztin Dr. Mertens“.
© ARD/Christa Köfer
Bei den Dreharbeiten
zur ARD-Serie “Tierärztin Dr. Mertens“.

Zuvor sind Sie durch Ihre Rolle des Alexander Saalfeld in der ARD-Telenovela “Sturm der Liebe“ einem Millionen-Publikum bekannt geworden. In der Schweiz waren Sie danach in der Arzt-Serie “Tag und Nacht“ zu sehen.

Bei einer solchen Produktion weiß man meist nur am Anfang, wohin die Reise geht. Wie geht man als Schauspieler damit um, sollte sich die eigene Rolle in eine Richtung entwickeln, die einem überhaupt nicht zusagt?

 

Ich habe es so noch nie erlebt. Eher umgekehrt. Zum Beispiel bei “Sturm der Liebe“. Als wir angefangen haben, hatte ich die ersten zehn Drehbücher, anhand derer ich die Figur erahnen konnte. Ich wusste allerdings beim Lesen schon: Da ist noch viel mehr drin. Und dann, der größte Vorteil einer Serie für uns Schauspieler, entwickelt sich die Figur mit der Arbeit weiter. Ich war nah an den Autoren und durch die relativ kurze Vorlaufzeit, die Zeit zwischen dem Schreiben und dem Drehen, konnte ich gut Einfluss nehmen auf die Entwicklung meiner Figur. Dies geschieht oft auch über das Spiel. Anhand meiner Interpretation der Bücher sehen die Autoren in der fertigen Folge, wo ich mit der Figur hin will und schreiben, wenn’s ihnen dann gefällt, in die Richtung weiter.

 

 

Auf Ihre Rolle als Chirurg in “Tag und Nacht“ haben Sie sich gut vorbereitet. Wie war das bei “Sturm der Liebe“, haben Sie dazu auch mal hinter die Kulissen eines 5-Sterne-Hotels geschaut?

 

Ja, die 5-Sterne-Hotels, die hab ich erst danach kennen gelernt! Nein, Scherz beiseite, ich hab mir die Arbeit in einigen Hotels  angeschaut und zum Beispiel gelernt, dass hinter den Kulissen bei weitem nicht alles so ruhig und freundlich abgeht, wie vor dem Gast. Ein Umstand, der in der Arbeit vor der Kamera spannend sein kann. Natürlich auch die Art, wie man mit dem Personal umgeht, wie man Gäste behandelt und so weiter.

Was mir aber viel mehr an Einarbeitung abverlangte, war das Spannungsfeld Familienbetrieb. Meine private Familie besteht aus meinen Eltern und meiner Schwester, die ich alle, aufgrund der räumlichen Distanz, recht selten sehe. Da waren für mich die spannenden Fragen: Wie ist das, wenn Dein Chef auch Dein Vater ist? Wie funktionieren die Hierarchien im “Fürstenhof“? Inwieweit mische ich mich ein in die Probleme der Eltern? Wo fängt mein Privatleben an? Ist hier Platz für mein Liebesleben? .... Fragen, die in einer Telenovela auch den Zuschauer beschäftigen.

 

 

Die Folgen bei einer Telenovela entstehen ja unter einem ungeheueren Zeitdruck. Wie wird damit umgegangen, wenn z.B. ein neuer Regisseur kommt oder ein Schauspiel-Kollege, mit dem einer der Hauptdarsteller überhaupt nicht kann?

 

Ganz ehrlich, ich hatte beim “Sturm“ keine Zeit, meinen privaten Sympathien und Antipathien viel Raum zu geben. Das Pensum, das es zu bewältigen galt, hat mich in dieser Hinsicht sehr professionell werden lassen. Klar mag man den einen mehr, den anderen weniger, aber arbeiten kann man mit allen. Und wenn zum Beispiel mal ein Regisseur kam, bei dem man gemerkt hat, dieser Arbeitsstil ist nicht der seine, dann war der auch nach einem Block, das sind fünf Folgen, wieder weg. Und als Schauspieler habe ich eine wichtige Erfahrung gemacht. Man spielt nicht unbedingt mit denen am besten, die man am liebsten mag. Mein Serienbruder zum Beispiel, Lorenzo Patané, mit dem war ich richtig gut befreundet. Das hat oft dazu geführt, dass wir beim Drehen so viel Spaß hatten, dass dann der nötige Ernst in der Szene fehlte. Dass die Szenen an Spannung verloren haben. Mit ihm musste ich härter arbeiten als mit anderen, mit denen ich nicht so eng befreundet war.

 

 

Gregory B. Waldis als Chirurg Felix Burckhardt <br>in der Schweizer Serie “Tag und Nacht”.
© SF/Christian Lanz
Gregory B. Waldis als Chirurg Felix Burckhardt
in der Schweizer Serie “Tag und Nacht”.
 

 

Welchen Einfluss haben die Darsteller auf die Kleidung, die ja sozusagen ein Rollen-Kostüm ist?

 

Eine gute Kostümbildnerin weiß: Der Schauspieler muss sich wohlfühlen in seinen Klamotten. Man darf nur nicht den Fehler begehen, seinen privaten Geschmack mit dem der Figur zu verwechseln. Da steht dem einen oder anderen Schauspieler (ich schließ mich da nicht aus) manchmal seine Eitelkeit im Wege.

Das Kostüm ist enorm wichtig für die Rollenfindung. Bei jeder neuen Rolle freue ich mich auf den Moment der ersten Kostümprobe. Ich dränge darauf, kurz nachdem ich das Drehbuch gelesen habe. Ich komme dann mit meinen Vorstellungen an und die Kostümbildnerin mit ihren. Und dann wird ausprobiert, bis man Sachen gefunden hat, die passen. In jeder Hinsicht. Das wird dann dem Regisseur präsentiert und für gut befunden oder die Suche geht von vorne los. Es ist also ein Prozess an dem der Schauspieler beteiligt ist. Ich hab noch nie erlebt, dass man mir was hinhält und sagt: “Zieh das an und spiel.“

 

 

“Sturm der Liebe“ hat das “Nichtraucher-Siegel“ erhalten, da in der Serie nie geraucht wird. Wie halten Sie es selbst mit dem Rauchen?

 

Ich hatte damals die Ehre, das Siegel für die Serie entgegen zu nehmen. Was ich sehr gerne getan habe. Mit fünfzehn habe ich angefangen zu rauchen und mit dreißig hab ich wieder aufgehört. Ich weiß also was es heißt, Raucher zu sein und welche Freude es bringt, wenn man es endlich schafft, damit aufzuhören. Es klingt lächerlich, aber es ist für mich nach wie vor eines meiner größten Erfolgserlebnisse. Ich freue mich über die Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung der Zigarette. Als ich jung war, wurde in den meisten Fernsehserien und Filmen geraucht. Es war cool. In. Heute wird es in weiten Kreisen als das wahrgenommen, was es ist: eine Sucht. Eine sehr schädliche.

Ich bin der festen Überzeugung, in hundert Jahren werden die Leute in ihre Geschichtsbücher schauen und sich ungläubig fragen: „Was haben die damals getan? Die haben sich brennende Stängel in den Mund gesteckt und den Rauch eingeatmet? Warum, zum Teufel?“

 

 

Wie haben Sie es geschafft, davon loszukommen?

 

Ich hatte einmal mit 22, 23 aufgehört. Da war es ganz leicht. Dann habe ich blöderweise wieder angefangen und lange, bestimmt ein Jahr mit fünf Anläufen, gebraucht. Jedes Mal, wenn es mich wieder erwischt hat, war ich noch ein bisschen kleiner. Das Selbstbewusstsein ist dann natürlich vollkommen weg, weil man sich schließlich nichts mehr glaubt. Man traut sich selbst nicht mehr. Und dann ging es einfach nur um’s Aushalten. Nicht wegzurennen vor der Sucht ist, glaube ich, der wichtigste Punkt. Es nicht zu verdrängen, nach dem Motto, das macht mir nichts, ich will ja gar nicht rauchen. Sondern es sich einzugestehen, dass man es gern tun würde, aber es trotzdem nicht zu tun. Am Schlimmsten ist die Vorstellung, ja, nur mal eine zu rauchen, dann hat man schon verloren.

Der Antrieb war einerseits die Gesundheit. Aber ich habe damals auch für eine Serie viel im Studio gedreht. Da ist man unkonzentriert, weil man ständig drauf wartet, wann man wieder eine rauchen gehen darf. Mir war’s einfach zu blöd, mich von dieser Droge beherrschen zu lassen.

 

Fotografin: Anke Peters
 

 

 

Es ist Ihnen ja schon passiert, dass Ihnen Menschen begegnet sind, die nicht so recht zwischen Ihnen als Person und einer Ihrer Rollen unterscheiden konnten. Dem würde ich gerne noch etwas gegensteuern und schauen, wie Gregory Waldis selbst ist. Ich habe hier ein paar Begriffe, bei denen ich Sie bitten würde, zu sagen, ob diese auf Sie zutreffen oder nicht:

 

 

-        mutig (Gleitschirmfliegen, Bühne)

Ja. Kaum etwas bringt dich näher zu dir selbst, als eine Angst zu überwinden.

 

-        nachdenklich

Ja. Im Guten führt es zu größerem Verständnis. Im Schlechten schürt es die Zweifel.

 

-        ungeduldig, schnell gelangweilt

Ja. Ich arbeite dran (seit 43 Jahren).

 

-        kommunikativ, aber auch zurückhaltend in manchen Situationen

Kommunikativ, weil mich die Menschen um mich interessieren. Wenn’s drauf ankommt, kann ich auch sehr verschüchtert sein.

 

-        weltoffen

Ja. Was dann wieder mit Mut zu tun hat. Meist lehnt man das ab, wovor man Angst hat. Und man hat Angst vor dem, was man nicht kennt. Da wären wir dann bei der Neugierde!

 

-        ruhelos, heimatlos

Ja. Auf jeden Fall. (Auch daran arbeite ich.)

 

 

Wenn man etwas über einen Menschen erfahren will, soll man sich anschauen, wovon er träumt. Welche Träume möchten Sie sich noch erfüllen?

 

Da bin ich mir im Moment nicht mehr so sicher. Fragen Sie mich in ein paar Jahren noch mal.

 

 

Was schätzen Sie an sich?

 

Ich will es wirklich wissen.

 

Soll heißen?

 

Das können Sie auf alles im Leben beziehen. Egal was.

Wenn Sie etwas tun, entweder Sie tun es oder Sie tun es nicht, das meine ich damit. Wenn Sie etwas erleben wollen, wollen Sie es erleben oder nicht? Nicht so in die Richtung, ja, mal gucken … hmm … .

Es geht darum, sich selbst zu finden, meine eigenen Antriebe, das was wirklich in mir drin ist, das was ich bin, was mich ausmacht in dieser Welt, in Bezug zu dieser Welt.

Etwas, was mich sicherlich auszeichnet und was oft auch sehr schwierig ist, ist, dass ich versuche, mir nichts vorzumachen in jeder Hinsicht. Damit meine ich zum Beispiel, Dinge, die sind, zu akzeptieren. Ich werde älter und wenn ich dann so tue, als würde ich immer 20 bleiben, das geht nicht. So ist es einfach nicht. Dann würde ich auch sehr viel verpassen. Oder immer wenn das Leben mal nicht so angenehm ist, wenn es Enttäuschungen, Verletzungen bietet und man sich dann jedes Mal vormacht, es ginge einem gut, alles sei gut, dann kann das nur dazu führen, dass man innerlich noch mehr verknorzt. Man kann die Dinge nicht  erleben, nicht lösen.

Ehrlich zu sich selbst zu sein und die Dinge so zu sehen, wie sie sind, das heißt, es wirklich wissen zu wollen.

 

 

Ungerechtigkeit ist ein Thema, das Sie auch auf die Palme bringt. Mir hat mal jemand gesagt, man solle nicht zu sehr danach streben, da die Natur keine Gerechtigkeit vorsieht. Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen Ungerechtigkeit begegnet? 

 

Der Schweizer sportlich mit dem Fahrrad<br> unterwegs in seiner Wahlheimat Berlin.
© Bianka Kaspar
Der Schweizer sportlich mit dem Fahrrad
unterwegs in seiner Wahlheimat Berlin.
Wenn sie mir am eigenen Leib begegnet, kann ich nur schwer damit umgehen. Sie macht mich sehr wütend und damit aggressiv. Dann fehlt mir leider meist die Besonnenheit, um sachlich zu bleiben. Dann gehe ich. Dann, wenn ich mich beruhigt habe, überlege ich mir, ob es sich lohnt zu kämpfen und wenn ja, dann suche ich das Gespräch. Dieser Moment des Abstandes ist sehr wichtig.

Was mich zur Zeit sehr auf die Palme bringt ist die zunehmende soziale Ungerechtigkeit. Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einer Zweiklassengesellschaft. Berlin führt mir das wieder mal deutlich vor Augen. Hier leben sehr viele Obdachlose. Menschen, denen oft Ungerechtigkeit widerfahren ist. Da ist es nur gerecht, ihnen mit Respekt zu begegnen, sie wirklich als Menschen zu behandeln.

Ich halte es für sehr wichtig, nach Gerechtigkeit zu streben. Der Sinn für Gerechtigkeit ist ein wichtiger Bestandteil dessen, was uns zum Menschen macht.

 

 

Ist es Ihnen jemals passiert, dass man Ihnen etwas nicht geglaubt oder eine Gefühlsregung nicht abgenommen hat, weil Sie von Beruf Schauspieler sind?

 

Ja, schon, aber das nehme ich nicht so ernst. Das hat mit dem Verständnis des Berufes zu tun. Ich verstehe den Schauspielberuf so, dass die Gefühle, die ich im Spiel hervorrufe, die meinen sind. Die Situation ist erfunden, die Gefühle sind – im Idealfall – echt. Es sind also durch eine Situation hervorgerufene Gefühle. Ich kann nicht Gefühle aus dem Nichts entstehen lassen, sondern reagiere auf die jeweilige Situation. Und im Alltag ist die Situation ’echt’, also auch meine Reaktion darauf. D.h. um diesen Beruf auszuüben, muss ich meine Gefühlswelt recht gut kennen. Ob jemand ehrlich ist mit seinen Gefühlen oder nicht, hängt einfach nur davon ab, ob er bereit ist, seine Gefühle wirklich ehrlich zu zeigen.

Ein Beispiel: Verunsicherung, Schwäche zeigen. Oft sind wir nicht bereit, so was zuzugeben, gerade wir Männer, weil wir es so gelernt haben. In gewissen Bereichen ist das ja auch gut. Wenn ich gerade eine geschäftliche Verhandlung mit jemandem führe, dann werde ich meine Verunsicherung natürlich nicht zeigen, denn ich will ja eine starke Position behalten. Wenn ich aber mit meiner Freundin in einem Gespräch über die Beziehung bin und verunsichert bin, dann ist es sehr unklug, das nicht zu zeigen.

 

 

Schauspieler haben ja eher selten dauerhafte Engagements. Wie arrangieren Sie sich mit dieser permanent unsicheren Arbeitssituation, die ja in Zeiten wie diesen nun auch viele Nicht-Schauspieler trifft?

 

Einerseits hab ich mich an diesen Zustand gewöhnt und habe ein Vertrauen entwickelt, dass es schon immer irgendwie gut weiter geht. Andererseits genieße ich die Zeiten in längeren Engagements, z. B. bei Serienhauptrollen, sehr. Da darf ich jeden Tag spielen und das ist es, was mich am meisten erfüllt.

 

 

© Thomas Buchwalder
 

 

Was genau ist es, das Ihre Leidenschaft für das Schauspielen ausmacht?

 

Für mich ist es eine sehr unmittelbare Kunst, weil sie total bei mir ist. Wenn ich etwas verkörpere, dann steht zwischen mir und der Kunst nichts. Das bin ich. Ich habe einen Text, an dem ich auch rumbasteln kann, wenn ich will. Ein Maler hat den Pinsel und die Leinwand zwischen sich und der Kunst. Oder ein Musiker, der hat noch ein Instrument zwischen sich und der Musik. Bei den Schauspielern ist es sehr nah an einem selbst. Wenn es läuft, dann hat das einen wahnsinnigen ’Flow’.

 

 

Sie haben sich einmal in Murnau an einer Lesung für Kinder beteiligt. Wie wichtig waren Bücher und/oder Phantasie-Welten für Sie in Ihrer Kindheit?

 

Ich hab, muss ich gestehen, sehr spät mit dem Lesen begonnen. Die meiste Zeit meiner Kindheit habe ich draußen verbracht. Beim Nachbarn auf dem Bauernhof, im Wald oder vor dem Haus auf der Strasse. Ich war von früher Kindheit an, bis ich etwa zwanzig war, bei den Pfadfindern. Eine sehr wichtige und geliebte Zeit. So waren die Phantasie-Welten meiner Kindheit immer mit dem Realen verknüpft. Das Baumhaus wurde zur Burg, die es zu verteidigen galt. Die Löwenzahnblätter zum Festmahl, das ich meinen Gästen servierte.

Dann, in meiner Jugend, war einer der ersten Autoren die ich für mich entdeckte, Hermann Hesse. Er hat mir in den Wirren der Pubertät eine Sicht auf die Dinge gezeigt, die mich faszinierte und mir vieles, was in mir vorging, erklärte. In dieser Zeit lebte ich lieber in der Phantasie oder besser gesagt in meiner geistigen Realität als in der Realität, die mich umgab. Die war mir zu verworren, zu schwierig, zu wenig klar.

 

 

Ihre Mutter ist Dänin. Welchen Bezug haben Sie zu Dänemark?

 

Leider habe ich kaum einen Bezug zu Dänemark. Auf jeden Fall ein Land, das es für mich noch zu entdecken gilt.

 

 

Sie wollen sich noch Einiges von der Welt ansehen. Waren Sie inzwischen zum Beispiel nochmals an Ihrem Geburtsort L.A.?

 

Ich bin in Hollywood geboren und im Alter von drei Jahren mit meinen Eltern und meiner Schwester in die Schweiz übergesiedelt. Danach war ich nur noch einmal, im Alter von vierzehn, im Urlaub dort. Bis jetzt war ich damit beschäftigt, mich hier umzusehen. Da ich so oft umgezogen bin, seit ich vom Elternhaus weg bin an die zwanzig Mal, bin ich im Urlaub nicht so heiß drauf, weit weg zu fahren. Da bin ich dann froh, wenn ich mal wo ankomme. Im Frühjahr 2009 war ich allerdings für ein paar Wochen in New York und bin begeistert von der Stadt und den Menschen, die dort leben. Da ist auch mein Entschluss gereift, nach Berlin zu ziehen. Ich erlebe Berlin wie New York, nur viel ruhiger. New York ist aber auch die erste Stadt, in der mich der permanente Lärm nicht gestört hat. Das gehört da einfach dazu. Ein Rausch an kreativer Energie!

 

 

Gregory B. Waldis und Bianka Kaspar
© Bianka Kaspar
Gregory B. Waldis und Bianka Kaspar

  

© Bianka Kaspar

2009/11

  



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