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Lebenstraum auf heißen Reifen

ein Interview mit Maximilian Götz

– Rennfahrer –

Jahrgang 1986, in Ochsenfurt (bei Würzburg) geboren, mehrfacher Meister und Vizemeister im Kartsport, der Formel BMW, den ADAC GT Masters, der Blancpain Endurance und Sprint Serie, 2015-2016 Mercedes-DTM-Fahrer, wohnt in Uffenheim.


Maximilian Götz
© Mercedes-Benz
Maximilian Götz

Vor dem diesjährigen Rennen am Norisring hatten Sie die Gelegenheit, die Strecke zusammen mit keinem Geringeren als DTM-Legende Klaus Ludwig zu inspizieren. Was war das für ein Erlebnis für Sie?


Den Klaus kenne ich persönlich schon einige Jahre sehr gut. Aber zum ersten Mal habe ich ihn live gesehen und erlebt 1994 bei der DTM am Norisring. 22 Jahre später war es mir als aktuellem DTM-Fahrer eine Ehre, mit ihm als DTM-Legende eine Streckenbegehung zu machen. Das hätte ich mir vor über 22 Jahren nicht erträumen können, selbst mal als DTM-Fahrer über den Norisring zu fahren. Er als Ex-DTM-Champ und alter Hase im Geschäft ist natürlich auch ein Vorbild für uns noch junge Fahrer.


War Klaus Ludwig einer derjenige, von dem Sie sich als Bub ein Autogramm ‘erjagt‘ hatten? Haben Sie Ihr Autogramm-Sammelbuch von damals noch?

Klar, ich hab sie alle noch. Die werde ich auch nicht hergeben. Eine tolle Erinnerung!


Wie hat es sich angefühlt, dann später erstmals selbst Autogramme zu geben und einen eigenen Fanclub zu haben?

Hätte ich mir nie gedacht und erträumt, selbst mal hunderte Autogramme an einem Rennwochenende schreiben zu dürfen. Jede einzelne Unterschrift bedeutet für mich, den Fans näher zu kommen. Ohne die geht es nicht. Sie unterstützen und bauen einen auf, vor allem die aus meinem eigenen Fanclub aus Österreich. Die Jungs und Mädels kommen fast zu jedem Rennen. Die haben eine ganze Reihe von Autogrammen. Angefangen hat alles im Jahr 2004 in Brünn. Also einige haben Autogrammkarten von mir, die selbst ich nicht mehr habe. Das wird bewacht und behütet wie ein Schatz :) !!


Von Ihrem Vater, der früher selbst Rennen gefahren ist, haben Sie die Begeisterung für den Motorsport geerbt. Mit 8 Jahren mussten Sie jedoch live am TV den tödlichen Unfall von Ayrton Senna in Imola miterleben, was nach Roland Ratzenberger am Tag zuvor bereits der zweite tote Rennfahrer an jenem Wochenende war. Wie sind Sie in den jungen Jahren damit fertig geworden, um sich dann trotzdem für eine Rennfahrer-Karriere zu entscheiden?

Das war damals schon sehr hart, einen Star, ein Idol sterben zu sehen. Es war und ist mir immer bewusst gewesen, dass dieser Sport gefährlich ist. Wir spielen hier kein Tetris auf dem Gameboy. Aber wenn man im Auto sitzt und aus der Box fährt, denkt man nicht daran, dass dieser Sport gefährlich sein könnte, sondern man genießt jede Millisekunde und genießt das Feeling. Wenn man drüber nachdenken würde, sollte man am besten erst gar nicht losfahren.


Wie gefährlich sind DTM und Formel 1 heutzutage?

Bergsteigen und Fußball sind gefährlicher. Da kommen mehr Menschen ums Leben als im Motorsport generell.


Ihr Vater war anfangs total dagegen, dass Sie eine Motorsport-Karriere starten, da er aus eigener Erfahrung um die Widrigkeiten wusste. Als er Ihre Entschlossenheit und Ihr Talent entdeckte, hat er Sie dann doch tatkräftig unterstützt. Macht er das heute noch in irgendeiner Form?

Früher hat mein Dad selbst geschraubt, Sponsoren organisiert und mich überall zu den Rennen hingefahren. Auch meine Mum war immer dabei, ebenso meine zwei Brüder. Ohne die Unterstützung und das Vertrauen in mich und in mein Talent hätte es nicht geklappt. Ich habe meinen Eltern alles zu verdanken, aber nicht nur den Motorsport. Sondern auch, dass ich als Person so bin, wie ich bin. Jetzt genießen sie die Zeit an der Strecke, sitzen auf der Tribüne und sind ganz normale Fans, sehr große Fans sogar. Klar, sie haben mehr Insiderinfos, aber sie lassen mich meinen Job als Rennfahrer mit meinem Team in Ruhe machen, was sehr wichtig ist. Ich freue mich und genieße es, zu wissen, dass sie da sind und mich unterstützen.



Maximilian Götz in Spielberg Mai 2016
Fotograf: Alexander Trienitz
Maximilian Götz in Spielberg Mai 2016


 
Wie setzt sich Ihr Team zusammen und was ist Ihnen in der Zusammenarbeit besonders wichtig?

Das Team besteht in erster Linie aus meinen Ingenieuren Albert und Pim – ein Amerikaner und ein Holländer – sowie meinen 4 Mechanikern am Auto: Micha, Markus, Gonzales und Raphael.
Des Weiteren kommen noch viele weitere Ingenieure dazu, die zum Beispiel für Aerodynamik, Reifen, Motor usw. verantwortlich sind. Diese große Anzahl an Menschen muss perfekt zusammenarbeiten, sonst funktioniert nichts.
Harmonie und Geborgenheit sind mir wichtig. Dann kann ich auch 100% Leistung bringen. Das gegenseitige Vertrauen ineinander ist groß.


Der Weg dorthin, wo Sie heute stehen, war ein oft steiniger. Hatten Sie jemals Zweifel, es zu schaffen?

Ja, vor allem nach dem Jahr 2005. Ich bin zwei Jahre in keinem Rennauto gesessen. Zweifel an meinem Können und an meiner Person hatte ich nie.
Ich hatte Zweifel, ob dieser Motorsport, der mir alles bedeutet, mein weiteres Leben sein soll. Es war echt eine harte Zeit. Ich hatte immer den Traum, irgendwann mal in der DTM oder Formel 1 fahren zu können. Diesen habe ich nie aufgegeben. Dass es so gekommen ist, ist einfach unglaublich, vor allem so relativ spät, mit 29.


Diese längere Rennpause mussten Sie einlegen, da die Sponsoren fehlten. Sie meinten dazu: „Die Formel 3 ist für uns leider zu teuer.“ Damit man da als Laie eine Vorstellung davon bekommt, darf ich fragen, von welcher Dimension die Rede ist und für was ein Fahrer in diesem Bereich selbst Geld ausgeben muss?

In der Formel BMW, in der Formel 3, generell im Nachwuchsbereich muss man sich in Teams einkaufen. Wenn man Meisterschaften gewinnen will, muss man in die Top-Teams. Die verlangen in der Formel 3 je nach Team 700.000 Euro pro Saison.


Wie gehen Sie mit dem Druck um, der von diversen Seiten – Teamchef, Rennleiter, Sponsoren, Fans, Freunde/Familie, eigener Anspruch – auf Ihnen lastet?

Locker. Wenn, mach ich mir den Druck nur selbst. Ich sag immer, locker bleiben und mal schön durchatmen. Das wird schon. Du bist hier nicht, weil du im Lotto gewonnen hast, irgendwas musst du ja können. :)


Wenn Freunde und Familie an der Rennstrecke mitfiebern, stärkt Sie das oder macht es eher nervös?

Es stärkt und macht mich glücklich, wenn sie dabei sind. Man spürt wenn Personen, die einem wichtig sind, in der Nähe sind.



Maximilian Götz <br>– seiner bayerischen Heimat verbunden in Lederhose - <br>vor dem Slogan der Fußball-Nationalmannschaft <br>zur EM 2016 in Frankreich
© Mercedes-Benz
Maximilian Götz
– seiner bayerischen Heimat verbunden in Lederhose -
vor dem Slogan der Fußball-Nationalmannschaft
zur EM 2016 in Frankreich


 
Der Ton zwischen den Rennställen ist nicht immer der freundlichste. Wie läuft das an den Rennwochenenden ab: Geht man sich da möglichst aus dem Weg? Oder sind die Team-Bereiche sowieso so voneinander getrennt, dass es kaum Berührungspunkte abseits der Rennstrecke gibt?

Mit Audi und BMW habe ich nichts zu tun. Man sieht sich, man respektiert sich, aber einen großen Austausch gibt es nicht, höchstens bei der Fahrer-Besprechung, wo alle Fahrer und Teamchefs in einem Raum sitzen.


Was sind die Themen einer solchen Fahrer-Besprechung?

Auffälligkeiten des letzten Rennwochenendes. Flaggenregeln. Spezielle Themen wie Boxeneinfahrt und -ausfahrt. Weiße Linien. Bei uns darf man die weiße Linie nicht überfahren. (Die Rennstrecke liegt dazwischen.)


Im Gegensatz zur Formel 1, wo sich die Teamkollegen auch schon mal gegenseitig von der Strecke schießen, ist die DTM eher ein Team-Sport. Fällt es Ihnen dabei manchmal schwer, im Sinne des Team-Erfolgs die eigenen siegorientierten Interessen hintenanzustellen?

Ich bin Teamplayer, aber auch Sportler, der für sich kämpft. Ich bin da, um zu gewinnen. Wenn es aber im Sinne des Teams ist, dann ist es für mich ok.


Verstehen auch die eigenen Fans solche Teamstrategie-Entscheidungen?

In erster Linie ja. Aber sie wollen natürlich mich ganz vorne sehen. Dafür gebe ich immer alles. Wenn ich dem Team helfen kann, mache ich das.


Was machen Sie in der Saison zwischen den Rennen? Wie und wo trainieren Sie? Wie halten Sie sich fit, um z.B. bei einem 24-Stunden-Rennen über 8 Stunden Konzentration und Leistung zu bringen?
Maximilian Götz ist gerne <br>in seiner fränkischen Heimat unterwegs:<br> wie hier zu Besuch in Würzburg
© Maximilian Götz
Maximilian Götz ist gerne
in seiner fränkischen Heimat unterwegs:
wie hier zu Besuch in Würzburg


Ich liebe meine fränkische Heimat. Hier in Uffenheim, wo ich lebe, habe ich alle guten Voraussetzungen, um zwischen den Rennen zu entspannen und hart zu trainieren. Meine Freunde sind hier, meine Familie, meine Kumpels, Vereine, wo ich aktiv bin und eine super schöne Landschaft. Da kann man super Rennrad fahren, wandern, schwimmen und auch mal einfach nur ein Glas Wein trinken. Das ist toll! Im Fitnessstudio bin ich ca. dreimal die Woche, wo ich spezielle Übungen für Nacken, Rumpf und Beine mache.


Was denken Sie, würde sich ändern, wenn auch Rennfahrerinnen in der DTM und Formel 1 aktiv wären?

Waren es doch schon. Susi Wolff. Sie bräuchte vielleicht einen Gridman. Gas geben können auch Frauen, das haben schon verschiedene bewiesen. Nur, ob es am Ende für ganz vorne reicht, ist die Frage.


Wie bei Ellen Lohr 1992, der bisher einzigen Siegerin eines DTM-Rennens. Das wäre zumindest eine der ganz wenigen Sportarten, in der Frauen und Männer direkt gegeneinander antreten würden … .

Stimmt. Das war ja in der Vergangenheit so. Wenn der Helm aufgesetzt wird, ist es egal, ob Mann oder Frau. Ich denke nur, dass Frauen es generell schwer haben, sich im Motorsport gegen Männer durchzusetzen. Da spielt der Testosteronhaushalt eine große Rolle, da haben Männer mehr davon.


In einem anderen Interview sagten Sie, dass Sie lieber in der Natur als in einer Großstadt sind. Andererseits sind Sie kein Verfechter von Elektromotoren für Rennwagen, da Ihnen sonst das Dröhnen der Autos und das Vibrieren der Tribüne fehlen würde. Wie passt das zusammen?

Man muss mit der Zeit gehen. Wenn man Dröhnen auf der Strecke und E-Antrieb in der Boxengasse hätte, wäre das doch toll. Irgendwann sind wir da auch. Für mich gehören aber ganz klar Sound und Benzingeruch zu einem Rennwagen.


Sind Sie als Rennfahrer auch ein guter Fahrer im Alltag?

Null Punkte. Durchschnittsgeschwindigkeiten von 120 sagen alles. Ich nehme es nicht so ernst auf den Straßen, pass lieber auf, heile anzukommen. Gas geben, tue ich auf der Strecke, außerdem sind die Straßen sowieso soo voll, das man gar nicht richtig Gas geben kann.


Wann haben Sie das letzte Mal unter die Motorhaube Ihres Mercedes-AMG C 63 DTM Rennwagens geschaut?

Da schaue ich an jedem Renntag drunter. Mein Auto heißt Bella. Ich spreche mit ihr.


Wenn ich irgendwo mit meinem alten Corsa liegenbleiben würde und Sie kämen gerade des Wegs, hätte es Sinn, Sie um Hilfe zu bitten oder sollte ich doch besser gleich beim Automobil-Club anrufen?

Ich glaube, ich hätte ein bisschen Ahnung. Aber wenn es ein größeres Problem wäre, könnte ich auch nicht helfen. Zumindest könnte ich einen netten Spruch loslassen. Es gibt im Leben nämlich Schlimmeres, als liegenzubleiben. Ist mir auch schon passiert, am Ende hatte ich keinen Sprit mehr im Tank. :)


Als Oldtimer-Fan und –Besitzer sind Sie auch schon bei der einen oder anderen Oldtimer-Rallye mitgefahren. Das ist ja meist eher eine ‘Schnitzeljagd‘ als ein Fahren auf Zeit. Fällt es Ihnen da schwer, nicht zu sehr auf’s Gaspedal zu steigen oder ändert sich die Einstellung zum Fahren sofort, je nachdem in welchem Wagen Sie sitzen?

Mit den alten Kisten muss man Cruisen. Aber wenn’s geht, gebe ich schon mal Gas. Die alten Dinger halten schon noch einiges aus. Am Ende ist es ja eine Rallye und keine Kaffeefahrt. Wenn ich antrete, dann will ich auch gewinnen. Jetzt am Wochenende nehme ich mit einem Mercedes-AMG GT an einer Sportwagenausfahrt teil. Da geht’s in die Alpen, wenn die Straßen frei sind, dann lass ich dem Auto schon mal freien Lauf.


Wenn Sie für eine Stunde die Gabe bekämen, Gedanken lesen zu können, mit wem würden Sie sich verabreden?

Mit dem Renngott.


Maximilian Götz und Bianka Kaspar
© Bianka Kaspar
Maximilian Götz und Bianka Kaspar


© Bianka Kaspar
2016

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