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Loslassen – wir können es alle


ein Interview mit Petra Dietrich


– Coach, Beraterin und Autorin –

Jahrgang 1957, in Rheinhausen (NRW) geboren, Studium der Literatur- und Kommunikationswissenschaft, Ausbildungen zur Gestalt-/Körpertherapeutin, Heilpraktikerin und Beraterin. Seit 2001 arbeitet Petra Dietrich als Coach und lebt in München, mag die Stadt und die Nähe zu den Bergen, ihr Klavier und immer wieder entspannendes Nichtstun.

 

Petra Dietrich
Foto: Torsten Weidmann
Petra Dietrich


"Anfang ist immer" ist der Titel Ihres Buches. Wie möchten Sie diesen verstanden wissen?

Gerne wörtlich! Anfang ist immer. Lauschen Sie dem Satz ein wenig nach …. jetzt, in diesem Moment, ist Anfang. Frisch. Einfach.

 

Einer Ihrer Denkanstöße in Ihrem Buch ist die Frage: "Welchen Wert hat ein ‘Weil'?" Wie herausfordernd schätzen Sie es in diesem Zusammenhang ein, sich etwas abseits der ‘üblichen‘ Kommunikationswege zu bewegen?

Verstehe ich Sie richtig – bezieht sich Ihre Frage auf unsere Gewohnheit, nach einem 'Warum' zu fragen und ein 'Weil' zu erwarten? Schon als Kinder lernen wir, sogar unsere Gefühle von Freude oder Traurigkeit zu begründen.
Wissen wir denn tatsächlich, warum Dinge geschehen? In unserer Anstrengung, zu begründen, vergessen wir außerdem, dass sich unsere Einschätzung von Kausalitäten mit der Zeit verändert – denken Sie nur an Ihre Einschätzung von Begebenheiten in Ihrem eigenen Leben.
Es ist ein lohnenswertes Experiment, auszuprobieren, im Alltag auf Erklärungen und Begründungen zu verzichten. Das ist wirklich spannend und lässt erfahren, welchen Wert und welche Funktion ein 'Weil' haben kann.

 

Oft ist es aber auch sehr wichtig und zum Verständnis beitragend, etwas zu begründen, um Missinterpretationen vorzubeugen oder aufzuklären … .

Ja, natürlich. Missinterpretationen entstehen immer dann, wenn man vergessen hat, dass jeder Mensch andere Schlüsse aus Inhalten und Zusammenhängen zieht. Dann hilft es, die unterschiedlichen Sichtweisen nebeneinander zu stellen und, wenn es geht, wertschätzend zu betrachten.

 

Dinge/Begebenheiten haben die Bedeutung, die wir Ihnen geben. Wie gelingt der Perspektiven-Wechsel, um die Wichtigkeit zu verlagern?

Erinnern wir uns an unsere Lebenserfahrungen, dann ist es leicht zu sehen, dass Bedeutungen tatsächlich von uns selbst gegeben werden. Und sie sind relativ! Was uns heute bedeutsam erscheint, kann morgen unbedeutend sein und hatte vorgestern noch gar keine Bedeutung für uns. Wo bleiben unsere Lieblingsspielzeuge im Laufe der Zeit? Welche Bedeutung hat eine besonders gute oder schlechte Schulnote nach zwanzig Jahren? Die Relativität unserer eigenen Wichtigkeiten zu sehen, ist bereits ein neuer, erhellender Blickwinkel und er erleichtert es uns, Dinge, Begebenheiten, uns selbst, loszulassen.

 

Gehört für Sie Vergeben auch zum Loslassen?

Gelingt es uns, loszulassen, ist kein Urteil da. In der Verurteilung bestimmter Dinge binden wir uns ja stark an genau diese. Ist kein Urteil da, ist keine Vergebung nötig.

 

… und wenn es uns nicht gelingt ‘kein Urteil‘ zu haben?

Dann sind, so kennen wir es aus Erfahrung, Schuldzuweisungen da. Ja, es ist lösend, zu verzeihen – auch und gerade sich selbst.

 

Noch ein Zitat von Ihnen ist: "Es geht nicht darum, etwas zu verbessern, sondern das Vorhandene zu entfalten." Wo liegt hier der Unterschied?

Der Unterschied liegt in der Beziehung zu dem, was da ist. Wenn etwas verbessert werden soll, dann geht man ja davon aus, dass es nicht gut genug ist. Die Forderung nach Verbesserung enthält ein Urteil über das Vorhandene. Entfaltung ist ein anderer Prozess: Das, was da ist, entfaltet sich - aus sich selbst heraus. Entfaltung ist ein Wort, das wir ohne Bewertung hören und denken können. Verbessern beinhaltet immer eine Bewertung.

 

Sie bezeichnen das Innehalten als einen Moment der Freiheit. Was kann so ein Moment bewirken?

Das Wunderbare an diesen Momenten ist, dass sie nichts bewirken. In der Erwartung einer Wirkung sind wir ja wieder mit der Zukunft beschäftigt! Innehalten. Ausatmen. Ankommen. Hier sein.

 

Aus Ihrer Erfahrung: Wie schwer fällt es uns Menschen, auf einen äußeren Einfluss auch mal nicht zu reagieren?

Ich glaube, wir alle wissen, wie stark unsere Reflexe und Konditionierungen sind! Geradezu automatisch regen wir uns auf, stimmen zu, lehnen ab, formulieren eine Bemerkung oder einen Kommentar in Gedanken. Manchmal spielen wir mit der Reaktionsbereitschaft, den Reflexen anderer … ärgern oder necken Freunde, provozieren gar. Wie schwer es fällt und wie es sich anfühlt, einen Reflex zu bemerken und ihn nicht auszuagieren, kann jeder interessierte Mensch für sich selbst ausprobieren – mit so viel Humor und Wohlwollen wie möglich.

 

Gehört zur Kunst des Lassens auch, sich selbst so anzunehmen, wie man ist und das Streben nach Perfektion, das einen nur unglücklich macht, auch sein zu lassen, da es Perfektion sowieso nicht gibt?

Das klingt in Ihrer Frage bereits paradox: Wir streben nach Perfektion und wissen doch, dass es Perfektion nicht gibt. Wer gäbe auch den Maßstab vor, mit dem Perfektion gemessen würde? Sich selbst anzunehmen, wie immer man auch ist – das ist eine Lebensaufgabe. Oder, besser gesagt, eine Herausforderung für jeden von uns in jedem einzelnen Moment.

 

Wie kann man der Falle des Vergleichens und Grübelns entgehen?

Dass Grübeln und Vergleichen in Gedanken geschieht, können wir nicht verhindern. Wir suchen uns unsere Gedanken ja nicht aus – sie erscheinen einfach und wir haben keine wirkliche Kontrolle darüber. In die Falle tappen wir dann, wenn wir das, was uns in den Kopf kommt, glauben, wenn wir es ernst und wichtig nehmen. Sich daran zu erinnern, dass wir wählen können, ob wir Gedanken glauben oder nicht, ist der Weg aus der Falle.

 

Sehen Sie Sehnsüchte/Wünsche eher als Motor für Veränderung und Weiterentwicklung oder als Grundstock für Unzufriedenheit?

Ich glaube, wir kennen beides aus Erfahrung. Wünsche werden zu Wegweisern, sobald ich mich auf den Weg mache, den sie ahnen lassen. Wünsche können ebenso Gedanken und Vorstellungen bleiben, über deren Nichterfüllung sich klagen lässt. Oft genug stehen uns Gedanken im Weg, wie: ‘Das geht sowieso nicht‘. Ob Wünsche für uns Motor sind oder Unzufriedenheit begründen, ob wir sie ernst nehmen oder als Luftschlösser erkennen, liegt also daran, wie wir mit unseren Wünschen umgehen.

 

Was würden Sie uns zum Umgang raten?

Es ist gut zu bemerken, WIE man mit einem Wunsch umgeht. Wünsche ich mir, jemand anders möge etwas tun? Weiß der andere von meinem Wunsch? Trage ich dazu bei, dass mein Wunsch sich erfüllt? Wünsche ich mir einen bestimmten Gegenstand oder spare ich tatsächlich für dessen Anschaffung? Möchte ich einfach nur träumen?

 

Petra Dietrich unterwegs in den Alpen.
© Petra Dietrich
Petra Dietrich unterwegs in den Alpen.

 

 

Wie wichtig finden Sie es, Ziele zu haben?

Ziele zu haben, ist genauso erlaubt, wie keine Ziele zu haben. Viele Menschen befürchten, Stillstand zu erleben, wenn sie keine Ziele haben. Doch Entwicklung und Veränderung geschehen auch dann, wenn ein Mensch (heute) keine Ziele hat oder benennen kann. Zu wissen, was man tut, ist in meinen Augen wichtiger, als zu wissen, was oder wohin man will.

 

Ein Gefühl, wie z.B. etwas verändern zu wollen, lässt sich Ihrer Erfahrung nach nicht rein mit Denken ergründen/lösen. Was braucht es noch dazu?

Wir fühlen ja nicht, dass wir etwas verändern wollen. Wir fühlen etwas und dann denken wir: Das bedeutet, dass sich etwas ändern sollte! Und dann folgen wir gewöhnlich dem Gedanken und denken über das Ändern und das Andere nach. Was jedoch geschieht mit dem ursprünglichen Gefühl? Ist es noch spürbar? Wie fühlt es sich an? Wie ist die Erfahrung, bei dem Gefühl zu verweilen anstatt in Gedanken?

 

Eine Übung in Ihrem Buch zeigt zum Beispiel, wie angenehm das Loslassen sein kann. Wie kommen Sie auf solche Übungen?

Haben Sie die kleine Übung ausprobiert und als angenehm erlebt? So ging es mir auch – als ich ausprobiert habe, wie man Loslassen erfahrbar machen kann: Sehr langsam und behutsam die Hand sich öffnen lassen, die einen kleinen Gegenstand umfasst hält. Ich lade häufig in Coachings zu diesem Experiment ein und die Menschen erhalten qua Erfahrung eine Antwort auf die Frage, wie Loslassen geht. Wir können es alle.

 

Was hat Sie bewogen, beruflich in die Richtung Coaching/Beratung zu gehen?

Vor dem Hintergrund meiner Berufserfahrungen im Marketing und in der Psychotherapie war es ein folgerichtiger Schritt. Anfang der 90er Jahre wurde Coaching in Deutschland populär – hier konnte ich meine Erfahrungen aus dem Geschäftsleben mit dem, was ich über Potenzialentwicklung, psychische Mechanismen, Motive, Stolpersteine und Interaktion des Menschen gelernt hatte, verbinden.

 

Marketing ist auch einer Ihrer beruflichen Schwerpunkte. Wie passt das zu Ihren anderen Themen?

Marketing war mein Einstieg ins Berufsleben, nach dem Studium. Marketing und Werbung haben mir, als selbständige Freelancerin, die Finanzierung meiner therapeutischen Ausbildung ermöglicht. Heute ist Marketing kein Schwerpunkt mehr – es ist ein nützliches Know-how z.B. bei der Gestaltung von eigenen Veröffentlichungen.

 

Waren Sie selbst schon beim Coaching?

Ja, natürlich. Ich gehe regelmäßig sowohl im Sinne von Supervision als auch zur Reflexion meiner eigenen Lebensfragen zu einem Coach.

 

Wie weit hängen nach Ihren Erfahrungen eine positive Einstellung bzw. das Vertrauen in das Gute mit der tatsächlichen Entwicklung der Dinge zusammen?

Die tatsächliche Entwicklung der Dinge - das ist eine schwierige Formulierung. Welche Entwicklung mag das sein? Das Wachsen der Bäume? Politische Entscheidungen? Der Prozess des Älterwerdens? Ich bin gewiss: Was immer auch geschieht, Selbstvertrauen ist ein innerer Boden, der uns immer zur Verfügung steht. Der ist gerade dann hilfreich und tragend, wenn wir den Eindruck haben, in der Außenwelt habe sich etwas ‘gegen uns verschworen‘.

 

Sie beraten Menschen auf der Suche nach Selbstvertrauen. Welchen Weg beschreiten Sie dabei mit Ihren Klienten?

Den Weg des Kontaktes zu sich selbst. Selbstvertrauen finden wir in uns. Selbstvertrauen kommt ohne Worte aus. Daher sind Überzeugungen oder Bewertungen von Seiten anderer (und natürlich auch die, die wir uns selbst gegenüber haben!) nicht bedeutsam für Selbstvertrauen. ‚Bei sich sein‘, Kontakt zu sich selbst haben, geschieht ohne Gedanken – oder vielleicht ist es besser, zu sagen, es geschieht jenseits der Gedanken. Mir scheint das eine Erfahrung zu sein, die viele Menschen kennen: In Gedanken erscheinen Zweifel, man empfindet Hilflosigkeit …. und doch ist Vertrauen vorhanden. Für gewöhnlich schenken wir jedoch dem Zweifel oder der Hilflosigkeit mehr Aufmerksamkeit als dem Vertrauen.

 

"Glück hängt davon ab, ob du bereit bist, wenn die Gelegenheit kommt." Ist ein Zitat von Oprah Winfrey. Sollten wir, wenn uns wieder einmal die Ungeduld plagt, uns lieber fragen, ob wir für die ersehnte Chance/Veränderung wirklich schon ausreichend vorbereitet/bereit sind (sowohl fachlich, wie auch als Mensch)?

Wenn uns die Ungeduld plagt, kann ein Blick auf das Offensichtliche hilfreich sein. Oft sind wir so abgelenkt von der Vorstellung eines Mangels, dass wir nicht sehen und nicht wertschätzen, was vorhanden ist. Menschen sind stets überrascht darüber, wie sehr wir in unserer Ungeduld, die mit dem Gedanken, etwas fehle, einhergeht, das ausblenden, was vorhanden ist und uns trägt.

  

Petra Dietrich und Bianka Kaspar
© Bianka Kaspar
Petra Dietrich und Bianka Kaspar

 

© Bianka Kaspar
2013


Taschenbuch "Anfang ist immer: Über das Lassen und das Tun"
ISBN: 395529031X

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