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Nähen für eine positive Zukunft

ein Interview mit Nathalie Schaller

– Juristin, Mitbegründerin und Geschäftsführerin von Glimpse Clothing – einem humanitären Mode-Label –

Jahrgang 1984, in Böblingen geboren, 1. + 2. Juristisches Staatsexamen (Oberlandesgericht Stuttgart), Rechtsreferentin Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, Hobby-Schneiderin/Designerin, verheiratet, eine Tochter.

Glimpse Clothing betreibt in Mumbai in Kooperation mit der indischen Chaiim Foundation eine Nähwerkstatt, in der ehemalige Zwangsprostituierte eine Ausbildung inkl. Gehalt, Unterricht in Englisch und Mathematik sowie Betreuung zur Überwindung ihrer traumatischen Erlebnisse und zur Handhabung alltäglicher Dinge des Lebens erhalten.


Nathalie Schaller
Fotograf: David Sünderhauf
Nathalie Schaller


Die Idee für Ihr soziales Projekt Glimpse geht auf einen befristeten ehrenamtlichen Arbeitsaufenthalt bei einer sozialen Einrichtung in Kambodscha zurück. Wie waren Sie zu diesem Einsatz gekommen?


Nach meinem ersten juristischen Staatsexamen hatte ich die Nase voll von Büchern und Paragrafen. Ich wollte raus in die Welt. Abenteuer erleben und einfach mal etwas ganz anderes sehen. Ich habe mich für fünf Monate einer internationalen christlichen Organisation angeschlossen, die sich unter anderem in sozialen Brennpunkten engagiert. Für zwei Monate ging es dann auch nach Kambodscha, wo ich erstmalig mit dem Thema moderne Sklaverei und vor allem Zwangsprostitution in Berührung kam.


Warum wollten Sie danach ein eigenes Projekt ins Leben rufen und sind nicht ‘einfach‘ bei einer anderen Organisation sozusagen als Ehrenamtliche mit eingestiegen?

Ich hatte mich zunächst nach bestehenden Organisationen erkundigt und dabei festgestellt, dass es zwar schon einige soziale Einrichtungen, wie z.B. Schutzhäuser, für ehemalige Opfer von Zwangsprostitution gibt. Aber Reintegrationsmaßnahmen im Sinne von sozialen Unternehmen speziell für solche Frauen konnte ich nur wenige ausfindig machen.
Und da ich selbst aus einer Unternehmerfamilie komme, lag es für mich dann nah, einfach selbst etwas zu starten.


Die Aufwendungen, die Glimpse für die laufenden Kosten der Werkstatt beisteuert, belaufen sich auf € 10.000 pro Monat. Machen Sie sich manchmal Sorgen, dass Sie die finanzielle Last, die auf Ihren Schultern lastet, nicht auf Dauer stemmen können?

Oh ja! :)
Es ist tatsächlich von Monat zu Monat spannend, ob wir das Geld durch Produktion/Verkauf und Spenden zusammenbekommen.
An dieser Stelle muss ein großes Dankeschön an unsere Käufer und Spender gehen, die uns so treu unterstützen.



Fotograf: Michael Colella


 
Sie sind anfangs etwas naiv an das Projekt herangegangen, wie Sie selbst berichtet haben. Von welchen Vorstellungen/Vorhaben mussten Sie sich im Laufe der Zeit verabschieden?

Den Aufwand, den das ganze Projekt insgesamt verursacht, haben wir definitiv unterschätzt. Es tauchen einfach immer wieder Probleme auf, mit denen man nicht gerechnet hat. Vor allem der Bezug von Stoffen stellt regelmäßig eine Herausforderung dar. Wir arbeiten mit zertifizierten Händlern direkt in Indien zusammen. Aber oft sind die Stoffe mangelhaft oder werden viel zu spät geliefert und werfen alle Zeitpläne durcheinander.
Und natürlich haben wir uns das alles finanziell leichter vorgestellt. Wir Gründer haben die ersten drei Jahre eigentlich nur draufgelegt und mussten nebenher weiter in unseren ursprünglichen Jobs arbeiten, um Geld zu verdienen.


Wie stellen Sie sicher, dass in der Werkstatt alles in Ihrem Sinne abläuft?

Wir haben fast durchgängig deutsche Modeschülerinnen als Praktikantinnen oder Ehrenamtliche vor Ort, die mithelfen, die Frauen anzuleiten und natürlich eine super Kontrolle sind. Auch wir selbst sind mindestens einmal im Jahr vor Ort und schauen nach dem Rechten.


Wie werden die Frauen, die Sie in Ihr Programm aufnehmen, ausgewählt? Es gibt ja sicher sehr viel mehr Kandidatinnen als mögliche Plätze.

Die Auswahl der Frauen übernimmt die Gründerin und Leiterin unserer Partnerorganisation Chaiim Foundation. Wichtig ist natürlich, dass die Frauen grundsätzlich Interesse am Nähen haben und sich gut ins Team einfügen.



Ramona und Keith Dsouza, die Gründer<br> der indischen Chaiim Foundation
Fotograf: Michael Colella
Ramona und Keith Dsouza,
die Gründer der indischen Chaiim Foundation


 
Alle Frauen sind stark traumatisiert, wurden teilweise von ihren eigenen Familien in die Prostitution verkauft. Wie schaffen es Sie bzw. Ihre indischen Partner, dass sie nach diesen Erlebnissen Vertrauen zu völlig Fremden fassen?

Unsere indischen Partner bemühen sich sehr, den Frauen sogenannte ‘Life Skills‘ beizubringen. Und dazu gehört z.B. auch, dass die Frauen lernen ‘Good Guys‘ von ‘Bad Guys‘ zu unterscheiden. Und ich denke, dass die Frauen in dem geschützten und liebevollen Umfeld auch einfach selbst erfahren, dass es viele Leute gibt, die es gut mit ihnen meinen.


Die Betreuung/Ausbildung in der Nähwerkstatt dauert 3-4 Jahre. Wo wohnen die Frauen in dieser Zeit?

Die meisten der Frauen leben in betreuten Wohngemeinschaften der Chaiim Foundation. Ein paar sind aber auch verheiratet und leben bei ihrer Familie.



Gemeinsam stark in eine positive Zukunft.
Fotograf: Michael Colella
Gemeinsam stark in eine positive Zukunft.


 
Kommt es vor, dass versucht wird, Frauen mit Gewalt oder falschen Versprechungen aus der Werkstatt oder im Privatbereich wieder zurück ins Bordell zu holen?

Das kommt eigentlich nicht vor. Die Chaiim Foundation ist sehr auf die Sicherheit ihrer Schützlinge bedacht. Es werden z.B. auch keine Identitäten der beschäftigten Frauen öffentlich gemacht.


Die Betreuung/Ausbildung findet auf sehr vielen Ebenen statt. Eine davon dürfte die Resozialisierung in die Gesellschaft sein. Wie sehr sind die Frauen als ehemalige Prostituierte in Indien geächtet, was dort oft schon der Fall ist, wenn jemand lediglich in die ‘falsche‘ Kaste geboren wurde, obwohl eine solche Diskriminierung wegen Kasten-Zugehörigkeit eigentlich seit 1950 verboten ist …?

Frauen haben es in Indien im Allgemeinen sehr schwer. Nach dem traditionellen Verständnis, das vor allem in ländlichen Regionen noch anhält, ist eine Frau weniger wert als ein Nutztier. Für viele Familien ist eine Tochter nur ein Mitesser, den man auch noch teuer verheiraten muss. Und als ehemalige Prostituierte haben es die Frauen natürlich doppelt schwer.
Aber wir durften nun schon mehrfach miterleben, dass sich den Frauen dank der Unterstützung der Chaiim Foundation neue Perspektiven eröffnen. Ein paar der betreuten Frauen konnten ihren Schulabschluss nachholen, ein paar Frauen konnten in weiterführende Arbeitsverhältnisse gebracht werden und einige der Frauen haben sogar liebevolle Ehemänner gefunden, die sie mit ihrer Vergangenheit annehmen und lieben.


Wie groß sind die Chancen, dass die Frauen nach ihrer Ausbildung bei Ihnen anderweitig eine Anstellung bekommen? Ist Ihre Organisation in Indien bekannt und es dann ggf. von Nachteil, wenn sozusagen gleich klar ist, welches Vorleben die Frauen hatten?

Die Chaiim Foundation ist sehr gut vernetzt und hat schon mehrfach Frauen in andere Arbeitsverhältnisse vermittelt. Hilfreich ist natürlich, dass die Frauen neben der Arbeit auch Schulunterricht bekommen und nach einer Weile gute Englisch- und Mathematik-Kenntnisse vorweisen können.



Fotograf: Michael Colella


 
Die Schere zwischen arm und reich dürfte in Indien noch sehr viel weiter auseinandergehen als in Deutschland. Es gibt auch dort Super-Reiche. Darf man von diesen finanzielle Hilfe für ein Projekt für die eigenen Landsleute erwarten? Ein neueres Gesetzt in Indien sieht als erstes weltweit vor, dass umsatzstarke Firmen 2% ihres Netto-Gewinns jährlich für soziale Projekte verwenden müssen. Ist das hilfreich für Projekte wie Ihres?

Neben der Unterstützung durch Glimpse erhält die Chaiim Foundation auch noch Spenden direkt aus Indien. Ob diese eher von Privatpersonen, Kirchen oder Unternehmen kommen, weiß ich allerdings nicht.


Sie sind zur Finanzierung des Projektes auch auf Spenden angewiesen, da Ausbildung und Resozialisierung der Frauen sehr aufwendig sind. Helfen dann solche Dinge, wie Ihre Auszeichnung mit der Goldenen Bild der Frau oder Ihre Beteiligung bei der ‘Naturwunder‘-Kampagne von Dr. Scheller Naturkosmetik, um Glimpse bekannter zu machen und als vertrauenswürdig zu präsentieren?

Ja, solche Plattformen helfen enorm, Glimpse in der Öffentlichkeit bekannter zu machen und auf unser Anliegen hinter der Mode Aufmerksamkeit zu lenken.


Auch Herren-Mode ist bei Glimpse vertreten.
Fotograf: Mathis Leicht
Auch Herren-Mode ist bei Glimpse vertreten.
Die Mode von Glimpse ist aktuell für Frauen und Männer bis 40 Jahre ausgerichtet. Ist in Planung das Alter der Zielgruppe irgendwann zu erhöhen, um so vielleicht auch potenzielle Kunden zu erreichen, die eher etwas mehr Geld dafür ausgeben können als sehr junge Interessierte?

Ja, das ist geplant. Wir haben bereits in den letzten zwei Kollektionen verstärkt Teile aufgenommen, die auch für ein älteres Publikum funktionieren. Aber das ist auf jeden Fall noch weiter ausbaufähig.


Wie sind Sie auf die schöne Idee mit den personalisierten Blumen-Etiketten der Näherinnen gekommen?

Wir haben überlegt, wie wir einen Bogen spannen können zwischen den Frauen und ihren Geschichten auf der einen Seite und dem Käufer auf der anderen Seite, ohne dabei die Identitäten der Frauen preiszugeben. Dabei sind wir dann auf indische Blumensymbole gekommen. Die Frauen sind für uns auch wie Blumen, die dank der liebevollen Betreuung farbenfroh und individuell aufblühen.


Hatten Sie auch schon mit Menschen zu tun, die kein Verständnis für Ihr Engagement hatten bzw. nicht verstehen, warum Ihre Artikel mehr kosten als beim Discounter?

Ab und zu werden wir schon als ‘Gutmenschen‘ belächelt. Aber die meisten Leute sind eher beeindruckt von dem Engagement und sind gerne bereit ein paar Euro mehr zu zahlen.


Was fühlen Sie, wenn Sie an Glimpse denken? Haben Sie jemals bereut, diese Verantwortung auf sich genommen zu haben? Würden Sie es mit dem Wissen von heute nochmals beginnen?

Ich denke, ich würde es auf jeden Fall noch mal machen. Es fühlt sich gut an, seine Zeit und Energie für etwas so Sinnvolles einzusetzen. Aber mit dem heutigen Wissensstand würde ich einige Dinge von Anfang an anders anpacken.


Was zum Beispiel?

Ich wäre von Anfang an fokussierter vorgegangen. Wir wollten von Anfang an sehr viel. Und mussten lernen, dass wir – vor allem modetechnisch – nicht alles machen können.


Bleibt neben Ihrem Engagement für Glimpse, Ihrer Familie und Ihrem Beruf auch noch Zeit/Gelegenheit für eine Urlaubs-Reise (abseits von Indien) und/oder einen eigenen Entwurf für die Glimpse-Kollektion?

Glimpse nimmt schon einen sehr großen Teil in unserem Leben ein. Vor allem, da mein Mann Simon ebenfalls bei Glimpse involviert ist. Glimpse gehört eigentlich zur Familie. Aber Zeit für Urlaubsreisen muss einfach sein. Dafür schaufeln wir uns Zeit frei.
Die Designs und Schnitte macht in erster Linie unsere Modedesignerin Teresa Göppel-Ramsurn. Aber ich finde es natürlich toll, dass ich auch Ideen in den Design-Prozess einbringen kann.



Die Nähwerkstatt in Mumbai.
Fotograf: Michael Colella
Die Nähwerkstatt in Mumbai.


 
© Bianka Kaspar
2017
 

Glimpse - Humanitäres Mode-Label und Nähwerkstatt - neu: [eyd]
http://www.eyd-clothing.com[...]Mitmachen.htm?SessionId=&a=catalog&p=232

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