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Das Wetter und die Macht der Natur

ein Interview mit Andreas Friedrich


– Diplom-Meteorologe, Pressesprecher und Tornado-Beauftragter des DWD (Dt. Wetterdienst) –

Jahrgang 1957, in Wiesbaden geboren, Studium der Meteorologie an der Technischen Universität Darmstadt, seit den 80er-Jahren beim DWD, nach wie vor fasziniert von Wetterextremen, Interessen: Skifahren, Fußball (als Fan von Eintracht Frankfurt), eBike-Fahren, Aufenthalt in der Natur


Andreas Friedrich
© DWD
Andreas Friedrich
In diesem Jahr mussten wir wieder miterleben, dass der Mensch gegen die Macht von Hurrikanen nichts ausrichten kann. In den USA wurde in den 1940er/50er-Jahren versucht diese mit Silberiodid, das hierzulande gegen Hagel eingesetzt wird, abzuschwächen. Allerdings wohl nur mit mäßigem Erfolg. Warum ist das so? Wieso kann man offenbar auch in der Entstehungsphase nichts gegen Hurrikane tun? Da sich diese immer über dem offenen Ozean bilden und ihre Kraft aus der Wasser-Kondensierung ziehen, wäre es doch gut, wenn man sie dort gleich wieder durch Abregnen am Größerwerden hindern könnte … .


Selbst bei einer normalen Gewitterwolke kann man durch das Impfen mit Silberiodid nichts Wesentliches ausrichten. Das ist etwa so, als wenn ein ausgewachsener Elefant auf jemanden zukommt und man versucht dann, ihn durch das Werfen mit einem Dartpfeil zu stoppen oder einen anderen Weg nehmen zu lassen. Da Hurrikane, auch in der Entstehungsphase schon viel mächtiger sind als eine normale Gewitterwolke, kann man hier keine Beeinflussung vornehmen.


Wird Ihres Wissens nach zu dem Thema geforscht?

Zumindest nicht in Deutschland, wenn überhaupt dann in den USA, da dort die Hurrikane ein großes Thema sind. Zu Versuchen, Wetterphänomene wie Hurrikane künstlich zu beeinflussen, gibt es eigentlich keine ernsthaften wissenschaftlichen Forschungen. Das ist alles zu schwierig und man weiß auch nicht, was passiert. Man bräuchte auch viel zu viel Energie, um Hurrikane vom Wetter her technisch zu beeinflussen.
Daher richtet sich die Forschung vor allem auf den Bereich der Wetter-Vorhersage, dass man hier bessere Modelle hat, um längere Zeit im Voraus vor Hurrikanen warnen zu können.


Was meinen Sie genau mit „Modelle“?

Es handelt sich hierbei um komplizierte mathematische Gleichungssysteme, mit denen man versucht, Wetterparameter, wie z.B. Luftdruck, Temperatur oder Wind, in der Zukunft zu berechnen. Diese Gleichungssysteme laufen dann auf den größten verfügbaren Super-Computern weltweit und werden numerische Wettervorhersage-Modelle genannt.


Die Vorhersagen zum weiteren Weg eines Hurrikans sind relativ genau? Wie gelingt das?

Es gelingt mit solchen Vorhersage-Modellen, mit denen auch das Wetter hier in Deutschland vorhergesagt wird. Die gibt es natürlich auch für die Zugbahnen der Hurrikane und man ist hier heute schon so genau, dass man immerhin für fünf Tage eine Zugbahn und auch eine Intensität der Hurrikane recht gut vorhersagen kann. Allerdings immer noch mit größeren Unsicherheiten. Das heißt, man kann nicht in fünf Tagen vorhersagen, wo das Zentrum genau hinzieht und wie stark dann auch die Winde sein werden. Hier wird immer ein Kegel vorhergesagt, der je länger die Vorhersagezeit ist, auch umso breiter ausfällt.


Wenn man sich eine Weltkarte der tropischen Wirbelstürme (Hurrikane, Zyklone, Taifune) ansieht, fällt auf, dass entlang des Äquators keine solchen Stürme auftreten. Woran liegt das?

Das liegt an der Corioliskraft, einer Scheinkraft, die in der Meteorologie eine Rolle spielt, da sie Windströmungen ablenkt: auf der Nordhalbkugel bei Tiefdruck gegen den Uhrzeigersinn und auf der Südhalbkugel umgekehrt. Und direkt am Äquator gibt es diese Corioliskraft nicht. So gleichen sich die Rotationskräfte aus und deswegen können sich dort auch keine Tiefs, wie z.B. tropische Wirbelstürme, bilden.


September 2017: <br>Über dem Atlantik, der Karibik und dem Golf von Mexiko <br>sind zeitgleich die Hurrikane „Irma“, „Jose“ und „Katia“ aktiv.
© DWD
September 2017:
Über dem Atlantik, der Karibik und dem Golf von Mexiko
sind zeitgleich die Hurrikane „Irma“, „Jose“ und „Katia“ aktiv.

   
Normalerweise sind Hurrikane für Europa kein Thema. 2005 sind aber Hurrikan Vince und der tropische Sturm Delta zumindest noch als Sturmtief bis an die Küsten Europas vorgedrungen. Ist künftig öfter damit zu rechnen, dass ggf. Ausläufer von so gigantischen Hurrikanen wie Irma“ und „Maria“ in diesem Jahr mit mehreren Hundert Kilometern Durchmesser das Wetter in Europa mitbestimmen?

Direkt als Hurrikan werden sie auch künftig nicht auf Europa treffen. Einfach weil die Meere in den Ozeanrandgebieten rund um Europa zu kalt sind und wohl auch in den nächsten Jahrzehnten noch zu kalt sein werden, als dass sich solche Hurrikane als tropische Wirbelstürme bis an die Küsten Europas bewegen. Aber als Tiefs, wie es jetzt z.B. mit Ophelia im Oktober in Irland passiert ist, ist es immer möglich und kann dann auch zu Schäden führen. Das ist dann aber nur noch ein ehemaliger Hurrikan, der diese Küstengebiete treffen kann.


Im November gab es einen Medicane an der griechischen Küste …

Ein Medicane ist physikalisch nicht mit einem Hurrikan zu vergleichen. Er sieht zwar aus der Satellitenperspektive ähnlich aus, manchmal weist er sogar ein wolkenfreies Auge auf, entsteht aber ganz anders als ein klassischer Hurrikan. Im Gegensatz zu einem Hurrikan ist die Luftmasse in höheren Luftschichten kälter als in der Umgebung, auch benötigt ein Medicane keine Meeresoberflächentemperaturen von mehr als 26° C. Ein solcher Sturm ist kleiner und auch schwächer als ein Hurrikan.


In Mitteleuropa können aus Gewitter-Wolken Tornados entstehen, die ähnlich wie Hurrikane ihre Energie aus extrem feuchter warmer Luft in Kombination mit kalter Luft ziehen. Wo liegt hier die Schwierigkeit, deren Auftreten konkret vorauszusagen?

So ein Tornado ist natürlich sehr viel kleinräumiger als ein Hurrikan, hat nur einen Durchmesser von wenigen Hundert Metern und auch die Lebensdauer ist sehr kurz. Das sind oftmals nur wenige Minuten, in denen so ein Tornado auftritt und sich aus Gewitterwolken bildet. Deshalb ist auch die Schwierigkeit, dass man diese Phänomene nicht mit Modellen vorhersagen kann, vor allem nicht über Tage oder Stunden. Man ist hier auf Radar-Beobachtungen angewiesen, die diese Wolken sichtbar machen, die oberhalb von so einem Tornado vorhanden sind. Damit kann man, wenn ein Tornado entdeckt ist, auch für die nächsten 15 bis maximal 60 Minuten die Zugbahn von solchen Wolken und den damit verbundenen Tornados vorhersagen. Man hat also nur sehr wenige Minuten Zeit, in denen man vor solchen Tornados warnen kann.


Wieviele Mitarbeiter arbeiten beim DWD an der Auswertung der Radarbilder, die Sie alle fünf Minuten neu erhalten?

Man kann davon ausgehen, dass sämtliche Vorhersage-Meteorologen, die wir haben, sich mit diesen Radarbildern beschäftigen. Das sind einige Dutzend Meteorologen, die nicht nur hier in Offenbach, sondern auch in unseren Regionalzentralen über Deutschland verteilt die Vorhersagen und zum Teil auch die Warnungen erstellen.


In Mexiko gibt es für die Erdbeben-Warnung eine Erdbeben-App. Könnten Sie sich so etwas auch für Deutschland als Tornado-App vorstellen?

Im Prinzip ja. Wir haben ja eine WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes. Da werden alle Warnungen direkt eingestellt und wenn auch vor einem Tornado gewarnt wird, wird das über diese App verbreitet. Insofern haben wir jetzt keine spezielle Tornado-App, weil das ein viel zu seltenes Ereignis für Deutschland wäre. Die WarnWetter-App deckt also auch die Warnung vor Tornados ab.


Der DWD arbeitet mit einem Netzwerk von geschulten Unwetter-Beobachtern zusammen. Wer kann sich dafür bei Ihnen melden, falls weiterer Bedarf  besteht?

Wir arbeiten hier mit dem Netzwerk Skywarn Deutschland e.V. zusammen.
Auf deren Website (www.skywarn.de) kann man sich informieren, anmelden und eine kleine Prüfung als sog. ‘Spotter‘ ablegen. Wenn man dort bei Skywarn mitmacht, gehen diese Unwetter-Meldungen dann auch direkt an den Deutschen Wetterdienst und wir können sie für unsere Unwetter-Warnungen nutzen.


Wie erkennt man als Laie z.B. eine sogenannte ‘Superzelle‘, aus der ein Tornado entstehen kann?

Eine 'Superzelle' ist eine rotierende Gewitterwolke, die sich langsam um die eigene Achse dreht. Man kann das erkennen, indem man sich die Wolke über einen längeren Zeitraum anschaut und sieht, dass die ganze Wolke um ein imaginäres Zentrum langsam rotiert und natürlich auch eine sehr große Entwicklung in der Vertikalen hat. Die reicht meist bis über 10 km in die Höhe. Und wenn man sowas erkennen kann, dann weiß man, das ist eine 'Superzelle' und das ist sehr gefährlich. Dann kann es natürlich im weiteren Verlauf sowohl vereinzelt zum Tornado kommen oder auch zu Hagel. Es ist auf jeden Fall immer Unwettergefahr gegeben.


Ein Tornado verwüstete Bützow in Mecklenburg-Vorpommern <br>am 05.05.2015
© Rüdiger Manig – DWD
Ein Tornado verwüstete Bützow in Mecklenburg-Vorpommern
am 05.05.2015


Wenn ich einmal in die Situation kommen sollte, dass ich im Freien unterwegs bin und einen Tornado in der Ferne entdecke, wie kann ich richtig einschätzen, welchen Weg er nehmen wird, sprich, wohin ich mich flüchten sollte?

Man kann das immer an einem Wolkenrüssel erkennen, der sich unterhalb der Wolke meistens nicht bis zum Boden, sondern mit 30-50 % Abstand vom Boden bildet. Da kann man feststellen, wo dieser Rüssel mit der Wolke langzieht. Der bewegt sich gar nicht so schnell, meistens mit 30-60 km/h, über die Landschaft. Wenn man das erkennen kann, sollte man einfach quer zu dieser Zugrichtung ausweichen, was manchmal sogar noch zu Fuß möglich ist, aber auf jeden Fall, wenn man mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs ist.


Die Regierungen von China und Russland ließen aus politischen Gründen Einfluss auf das Wetter nehmen, um Regen von für sie wichtigen Veranstaltungen fernzuhalten – einmal mit mehr, einmal mit weniger Erfolg.
Sinnvollererweise das Wetter in Sachen Schadensabwendung zu beeinflussen – z.B. Wolken in einem Teil Europas abregnen zu lassen, in dem gerade Dürre herrscht, um damit auch gleichzeitig Überschwemmungen in einem anderen Teil zu verhindern –, ist aber bei allem Fortschritt nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit, oder?


Ja, das Wetter lässt sich hier nicht künstlich beeinflussen, zumindest nicht mit heute bekannten Technologien.


Wie war Ihr Weg zum Meteorologen und Tornado-Beauftragten? Was macht für Sie persönlich die Faszination des Wetters und seiner Phänomene aus?

Mein Weg war eigentlich schon als Grundschüler gegeben. Da hatten wir in der 4. Klasse Geografie – oder Erdkunde, wie es damals noch hieß – als Schulfach und da gab’s eine Woche Wetterkunde. Das hat mich sehr fasziniert! Wir mussten eine Wetterstation bauen mit Windmast und da war für mich klar, dass ich mal Meteorologe werden will und vielleicht auch irgendwann mal im Fernsehen vor der Wetterkarte stehen. Ich habe mich also schon ganz früh entschieden, was ich mal werden möchte und hab’s dann auch geschafft.
Der Tornado-Beauftragte ist eine kleine Zusatzaufgabe. Die kam erst sehr viel später im Jahr 2004 auf mich zu, als nämlich mehrere Tornados in Deutschland auch Schäden verursacht hatten, z.B. in Sachsen-Anhalt ein ganzer Ort verwüstet worden ist. Da meinte der Vorstand, es sollte sich im DWD doch mal jemand koordinierend darum kümmern und da ich mich schon immer für Tornados interessiert hatte und auch schon sehr viel Medien-Erfahrung hatte, wurde ich dann vom Vorstand berufen, der Tornado-Beauftragte zu sein. Ich kümmere mich seitdem um das Thema Tornados, vor allem auch gegenüber den Medien. Aber es ist nur eine kleine Randaufgabe. Mein Hauptjob ist momentan, dass ich Pressesprecher beim Deutschen Wetterdienst bin.
Mich persönlich fasziniert das Wetter vor allem dadurch, dass es nie das gleiche Wetter gibt. Es ist jeden Tag anders, es ist spannend, es ist in der Öffentlichkeit, im Freundeskreis immer ein Thema. Es ist etwas, das jeden mehr oder weniger interessiert und da ist es für mich natürlich die Faszination, dass ich dort vielleicht das eine oder andere mehr weiß, als die anderen, von denen man angesprochen wird. So hat man immer ein spannendes Gesprächsthema.

© Bianka Kaspar
2017


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