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Kein Mann für eine Schublade

ein Interview mit Daniel Aichinger


– Schauspieler („Die Lobbyistin“ - http://www.zdf.de/serien/lobbyistin, „Jenny“, „Männer - Alles auf Anfang“, „Katie Fforde: Das Schweigen der Männer“, „Rosamunde Pilcher - Wie von einem anderen Stern“, „Der Bergdoktor“, „SOKO Wismar“, „Heldt“, „Wilsberg“ etc.) und Ernährungsberater (https://pieceofcake.coach/)

Jahrgang 1974, in Bielefeld geboren, Schauspiel-Studium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, Ausbildung zum Fachberater für holistische Gesundheit an der Akademie der Naturheilkunde (Schweiz), Botschafter des Dt. Kinderhilfswerks, Hobbies/Interessen: Meditation, Kochen, Essen, Sport, politisch inkorrekte Witze


Daniel Aichinger
Fotograf: Christian Hartmann
Daniel Aichinger
Ihre Mutter stammt aus Ost-Berlin, Ihr Vater aus Süd-Kalifornien. Eine nicht unbedingt vorhersehbare Verbindung. Darf man fragen, wie sich Ihre Eltern kennengelernt haben und wie Sie die Kombination dieser zwei Welten erlebt haben?


Meine Mutter floh 1956 mit ihrer Mutter nach West-Berlin. Mein Vater war Ende der 60er-/Anfang der 70er-Jahre amerikanischer Soldat in West-Berlin. Dort begegneten sich die beiden.
Mein älterer Bruder und ich sind mit beiden Kulturen und Sprachen aufgewachsen. Das habe ich meist als Reichtum erlebt - und ab und zu habe ich mich deswegen auch etwas zerrissen gefühlt.


Welchen Bezug haben Sie persönlich zu den USA?
Haben Sie jemals dort gelebt und/oder Ambitionen es eines Tages (wieder) zu tun?


Ich habe nach wie vor beide Staatsbürgerschaften. Weil die Familie meines Vaters viel größer ist als die meiner Mutter, habe ich mehr Verwandte in den USA. Wann immer ich da bin, atmet ein kleiner Teil in mir auf, der ein wenig zu kurz kommt in Deutschland. Als Teenager habe ich 14 Monate in den USA gelebt, ich bin nach wie vor gerne regelmäßig in den USA, aber ich plane nicht, demnächst dort zu leben.


Bei welcher Gelegenheit entdeckt man den Kalifornier in Ihnen?

Ich mag Kalifornien, habe aber noch etwas mehr Bezug zum Mittleren Westen der USA, wo ein Teil meiner Familie lebt. American Football ist ein so herrlich brutaler, überzüchteter Sport und gleichzeitig enorm taktisch und spannend. Den liebe ich zu schauen. Und das ist wohl uramerikanisch, falls es so etwas gibt. Da lasse ich meinen niederen Instinkten freien Lauf.
In Deutschland merkt man meinen amerikanischen Anteil vielleicht daran, dass ich manche Dinge einfach tue, ohne sie lange abzuwägen. Das ist etwas, was ich an den USA schätze. Einfach machen. Und wenn es nicht passt: Etwas anderes machen.
Ach ja, und ich genieße meine regelmäßige Pokerrunde mit Kollegen.


Ihr Bezug zu den USA ist also rein privat. Was ist für Sie trotzdem beruflich von Interesse, gilt doch Hollywood in vielerlei Hinsicht als das Maß der Dinge, was die Filmwelt angeht?

Käme ein Angebot aus Hollywood, würde ich vermutlich genauso wenig nein sagen können wie alle anderen auch. Es ist aber etwas ganz anderes, ob ich mich darauf ausrichte, ‘es dort zu schaffen‘. Für diesen Traum müsste ich vieles von dem unterordnen, was mir wichtig ist. Dafür fehlt mir ehrlich gesagt die Überzeugung, dass das wichtig genug wäre.


Ihre Rollen sind sehr unterschiedlich - vom leicht chaotischen Astrophysiker über einen charmanten Kanulehrer, einen zwielichtigen Galeristen bis zum Politiker und Lobbyisten. Wie schaffen Sie es, von den Sendern/Produzenten/Regisseuren nicht auf einen Typ festgelegt zu werden, der dann in der Schublade für entsprechende zukünftige Rollen landet?

Ich bin froh darüber, dass ich ein gewisses Spektrum in meinen Rollen habe. Festgelegt zu sein, ist allerdings auch kein ganz so schlimmes Problem. Wenn man einen ganz klaren Typ verkörpert, fällt es oftmals auch leichter, besetzt zu werden. Aber es ist, wie es ist. Als Schauspieler ist letztlich jeder Grund recht, weshalb man eine Rolle bekommt. Es ist nämlich ein absolut subjektives Geschäft.


Daniel Aichinger bei einem Workshop für Jugendliche <br>im Rahmen seines ehrenamtlichen Engagements <br>als Botschafter des Deutschen Kinderhilfswerks
© Deutsches Kinderhilfswerk e.V.
Daniel Aichinger bei einem Workshop für Jugendliche
im Rahmen seines ehrenamtlichen Engagements
als Botschafter des Deutschen Kinderhilfswerks


Buddhismus

Sie sind seit einigen Jahren praktizierender Buddhist. Was haben Sie im Buddhismus gefunden, das Ihnen z.B. im Christentum fehlt bzw. nicht zusagt?

Ich bin seit 20 Jahren Buddhist. Im Buddhismus geht es darum, alles mit seiner eigenen Erfahrung zu durchdringen. Es geht um letztendliche Wahrheit. Je näher man dieser kommt, desto freudvoller, furchtloser und mitfühlender wird man. Auf dem Weg dahin, ist es sehr erwünscht, kritisch zu sein. Man soll nichts glauben, was nicht auch eigene Erfahrung ist. Das entspricht mir sehr.
Mein Empfinden war immer, dass man für sein Leben, seine Wahrnehmung, für das, was geschieht, selbst verantwortlich ist und dass gleichzeitig alles miteinander verbunden ist. Das ist im Buddhismus die Grundlage. Von da aus fängt man an, seine eigenen Lebensbedingungen zu verbessern, bis man auch etwas für andere tun kann. Und man wird dabei Stück für Stück immer froher.


Kann man Ihrer Meinung nach in mehreren Religionen ‘zu Hause‘ sein oder muss man sich komplett auf eine einlassen?

Ich denke, es macht Sinn, eine Sache zu praktizieren und damit in die Tiefe zu gehen. Und ich halte die Religionen durchaus für unterschiedlich.
Ich mag auch das Christentum mit seinem Blick auf das Wohl aller. Nur die Sache mit dem Glauben und dem Gott hat mir eben nie eingeleuchtet. Wir leben in Europa in einer christlich geprägten Kultur und profitieren darin z.B. von den Menschenrechten, die sich hier entwickeln konnten und allgemein anerkannt sind. Darüber bin ich sehr froh.
Bei manchen Religionen bin ich jedoch skeptisch, ob sie zum Allgemeinwohl beitragen.


Was denken Sie über das Prinzip des Karma?

Es ist für mich die plausibelste Erklärung dafür, warum die Dinge so geschehen, wie sie geschehen. Eine Übersetzung von Karma ist ‘Ursache und Wirkung‘. Letztlich bedeutet es, dass alles, was wir denken, sagen und tun Ursachen für unsere Zukunft sät. Und folglich ist alles, was wir erleben, eine Wirkung früherer Ursachen. Man ist selbst verantwortlich. Das entspricht meiner Lebenserfahrung.


Angenommen, Sie bekämen die Gelegenheit, dem Dalai Lama bei einem persönlichen Zusammentreffen eine Frage zu stellen. Welche wäre das?

Ich würde ihn fragen, was seiner Meinung nach das Wichtigste für die Freiheit in der Welt ist. Und ich denke, ich würde ihn auch um einen Segen bitten.
Ich gehöre übrigens einer anderen Schule des Tibetischen Buddhismus an als der Dalai Lama. Das Oberhaupt dieser Schule ist der Karmapa und den konnte ich schon einige Male treffen.


Was bringt Sie trotz der Übung in den buddhistischen Tugenden der Meditation und Geduld schon mal ‘auf die Palme‘?

Ich bin nach wie vor ein sehr emotionaler Mensch. Man meditiert ja nicht mit dem Ziel, sich in einen Stein zu verwandeln. Die Emotionen sind immer da, aber der Abstand zu ihnen wird größer und die Identifikation mit den Gefühlen wird weniger. Man hat sie, aber man ‘ist‘ sie nicht mehr.
‘Auf der Palme‘ war ich tatsächlich schon eine Weile nicht mehr, aber am ungeduldigsten und verständnislosesten kann man mich vermutlich erleben, wenn ich ein Lenkrad in den Händen halte.


Engagement  -  „Kinder sind die Gegenwart“

Zu Ihrem Engagement für das Dt. Kinderhilfswerk sagten Sie u.a., dass Ihnen Kinder oft sympathischer sind als Erwachsene. Warum?

Weil sie häufig viel unkomplizierter, wohlwollender, ehrlicher und authentischer sind als Erwachsene. Erwachsene sind mir aber auch grundlegend sympathisch.


Gibt es Situationen, bei denen Ihnen Ihre Schauspiel-Ausbildung hilft, Zugang zu Kindern zu finden?

Das finde ich ist bei allen Menschen gleich: Wenn man Wohlwollen, Interesse, Empathie und Großzügigkeit in eine Begegnung einbringt, freuen sich die Leute in der Regel. Egal wie alt sie sind.
Vielleicht hilft meine Erfahrung als Schauspieler dabei, kreativ und instinktiv zu sein. Und ich denke, das mögen Kinder ganz besonders.


Was möchten Sie, mit Ihrem Engagement bewirken? (Z.B. auch mit den Workshops f. Kinder.)

Ich möchte gerne, dass Kinder (und Erwachsene) erfahren, dass es sich lohnt, furchtlos, froh und freundlich zu sein.


Daniel Aichinger aktiv für das Deutsche Kinderhilfswerk
© Deutsches Kinderhilfswerk e.V.
Daniel Aichinger aktiv für das Deutsche Kinderhilfswerk


Ernährungsberatung  -  „Piece of cake“

Eine weitere Leidenschaft haben Sie inzwischen zur Profession gemacht: ganzheitliche Ernährungsberatung. Ihre dazugehörige Website läuft unter dem Titel „piece of cake“, wobei es Ihnen wohl nicht um die englische Redewendung geht. Warum also dieser Titel, obwohl man annehmen sollte, dass das eines der ersten Dinge ist, das auf der Verbotsliste landet?

Da kam dann vielleicht doch mal kurz der Amerikaner durch. Ich meine durchaus die Redewendung: “piece of cake“ bedeutet, dass etwas ganz leicht geht, ganz einfach ist. Warum nicht auch eine Ernährungsumstellung? Zudem finde ich, dass man auch an Ernährung (wie an alles andere im Leben) undogmatisch herangehen sollte.
Insofern gibt es auch keine Verbotsliste, wenn man sich von mir beraten lässt, sondern Erklärungen darüber, welche Gewohnheiten welche Resultate bewirken. Je nachdem, wie hoch die Motivation oder der Leidensdruck meiner Klienten ist, haben sie dann in der Regel recht gute Resultate - auch ohne Verbote.
Ein Beispiel: Ein Stück Kuchen zu verbieten, macht es doch noch viel interessanter, es zu essen. Aus Trotz. Mal eines zu essen und das dann zu genießen oder sich anschließend zu sagen: „war gar nicht so besonders“, sind stattdessen wichtige Erfahrungen, wenn es um Ernährung geht.


Gesunde Ernährung wissen wir ja ‘eigentlich‘, was das ist. Oder ist das doch nicht so einfach, z.B. mit Blick auf (Wechsel-)Wirkungen etc.?

Im Prinzip ist es nicht schwierig, sich gesund zu ernähren. Das Entscheidende ist, sinnvolle Gewohnheiten zu entwickeln. Zum Beispiel genug zu trinken und viel Gemüse zu essen.
Mit etwas mehr Wissen kann man sich jedoch sehr gut ernähren und das kann in manchen Lebensphasen einen großen Unterschied machen. Dazu gehört dann zum Beispiel auch, welche Lebensmittel man kombiniert und wann man sie isst etc.
Und wenn man eine möglicher Weise schwere Diagnose mit unangenehmen Symptomen hat, kann eine spezifische Veränderung der Ernährung in vielen Fällen viel bewirken.


Wo ziehen Sie in Ihrer Beratung die – ggf. verschwimmende – Grenze zur psychologischen und ärztlichen Behandlung? (Gerade auch, wenn Ihre Arbeit parallel zu einer anderweitigen Beratung/Therapie verläuft?)

Die Grenze darf in keiner Weise verschwimmen. Ich bin kein Arzt, stelle keine Diagnosen und behandle nicht. Ich bin auch kein Psychologe. Beides wäre für mich auch nicht so reizvoll.
Aber da Ernährung für fast alle Menschen ein recht intimes und emotionales Thema ist, sind beim Beraten neben meinem Wissen über Ernährung ebenfalls meine Empathie und Lebenserfahrung gefragt. Insbesondere, wenn es darum geht, Gewohnheiten individuell zu verändern.
Wenn Klienten bei einem Arzt oder sonstigen Therapeuten in Behandlung sind, sind meine Empfehlungen immer begleitend zur Therapie zu verstehen. Und werden im Zweifel mit dem Arzt abgestimmt.


Sie schreiben auf Ihrer Website, dass die Schulmedizin meist nur Symptome behandelt bzw. unterdrückt. Warum und wie erschließen Sie sich dagegen die tatsächlichen Ursachen gesundheitlicher Probleme?

Die Vorteile der Schulmedizin sind meines Erachtens ebenfalls vielfältig. Ich will da gar kein Lagerdenken propagieren. Gerade bei chronischen Erkrankungen geht es in der Schulmedizin aber oft um die Symptome. Was sinnvoll ist, wenn man ein Leben retten will oder mit einer anderen Akutsituation konfrontiert ist. Beinahe alle der sogenannten Zivilisationskrankheiten werden allerdings (u.a.) durch weniger sinnvolle Ernährungs- und Lebensgewohnheiten verursacht. Da macht es doch Sinn, auch bei diesen Gewohnheiten anzusetzen, wenn man Rheuma, Diabetes, Bluthochdruck, Nahrungsmittel-Intoleranzen, Neurodermitis etc. hat und wieder loswerden möchte.
Selbstverständlich stelle ich aber keine Diagnosen. Falls meine Klienten wegen einer Erkrankung kommen, haben sie stattdessen eine Diagnose ‘dabei‘. Und falls etwas unklar ist, bitte ich sie, mit einer Diagnose wiederzukehren.


Wann passiert es Ihnen persönlich in diesem Bereich, dass schon mal vom angestrebten gesunden und freudvollen Lebensstil eher der freudvolle als der gesunde Part Oberhand gewinnt?  ;- )

Früher habe ich beispielsweise öfter mal einen über den Durst getrunken und mir eingeredet, dass das freudvoll ist. Mittlerweile muss ich eingestehen, dass vermutlich das Gegenteil der Fall war. Seit einer Weile trinke ich fast keinen Alkohol und ich erlebe, dass gesund und freudvoll sich gegenseitig immer mehr bedingen. Dabei bin ich mit mir selbst genauso undogmatisch wie mit meinen Klienten. Vielleicht gehe ich also demnächst auch spontan mal wieder lustvoll einen heben.


Fotograf: Christian Hartmann


© Bianka Kaspar
2017


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