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Wilde Schönheit

Die südliche Bretagne – sie ist geheimnisvoll, wie die Steine, die senkrecht aus der Erde wachsen und sich in langen Reihen wie stumme Mahnmale versammelt haben. Sie ist wild, wie der Atlantik, der an ihren Steilküsten emporgreift. Und sie ist schön, wie Hortensien und Lavendel, die Farbtupfer zwischen ihren trutzigen Steinhäusern.



Ein geduckter Schatten bewegt sich langsam zwischen einer Allee von Menhiren vorwärts. Die Steinreihen (Alignements) von Le Menec mit rund 1.100 Menhiren (aufrecht stehende Steine) sind auf einer Länge von über einem Kilometer Teil der berühmten Anlage von Carnac. Dort, wo uns der Zutritt zum Schutz dieser Zeugen der Geschichte verwehrt ist, befindet sich die Spielstätte von vier Lämmern, beaufsichtigt durch ein paar ausgewachsene Schafe, die sich – unbeeindruckt von dem Drumherum – das saftige Grün schmecken lassen.


Teilansicht der Steinreihen von Le Menec.
© Bianka Kaspar
Teilansicht der Steinreihen von Le Menec.


Das Rätsel der Steine

Was den Vierbeinern höchstens als Schattenspender oder Versteck dient, ist ein nach wie vor ungelöstes Rätsel der Menschheit. Die bekannteste prähistorische Stätte der Bretagne umfasst ca. 3.000 Menhire aus dem Zeitraum Neolithikum (4.500-2.000 v. Chr.) bis Bronzezeit (1.800-750 v. Chr.). Es wird vermutet, dass es ursprünglich sogar wesentlich mehr waren. Aufgrund ihrer Ausrichtung von Südwest nach Nordost wird den Steinreihen eine Bedeutung für Sonnenriten anlässlich der Sommer- und Wintersonnenwende zugeschrieben, doch sicher weiß das niemand.

Die Windmühle von Erdeven.
© Bianka Kaspar
Die Windmühle von Erdeven.
Der kleine Ort Erdeven – nordwestlich von Carnac – kann nicht nur eine schöne alte Windmühle von 1805 und einen circa 7 Kilometer langen hinter einer Dünenlandschaft befindlichen Sandstrand sein eigen nennen. Kurz vor dem Ortseingang befinden sich die Alignements de Kerzérho. Die Anlage ist nicht eingezäunt, so dass man sich auf der Wiese direkt zwischen die magischen Steine begeben kann. Dorthin, wo vor Tausenden von Jahren große Kräfte aufgewendet wurden, um etwas Außergewöhnliches zu erschaffen. Wer sich nicht scheut einen etwas verborgenen, von Farnen und Büschen fast verschlungenen, Weg zu gehen, der wird mehrere Menhire entdecken, die mit über vier Metern sogar größer sind als die von Carnac.

Während sich die Steinreihen oft direkt neben einer Straße befinden, so stehen manche der diversen Dolmen nördlich von Carnac etwas versteckter – im Wald oder am Waldrand; der Dolmen von Crucuno wiederum an ein Haus geduckt. Er ist mit einer Innenraumgröße von ca. 3,4 x 3,5 Metern und einer Deckenplatte mit einem Gewicht von geschätzten 40 Tonnen einer der größten Dolmen der Welt.
Im Gegensatz zu den Menhiren, die uns ihr Geheimnis wohl nie preisgeben werden, ist die Nutzung der Dolmen (bretonisch für Steintisch) als Grabkammern relativ eindeutig. Sie waren oft unter einem Erdhügel verborgen und durch einen Gang zu erreichen.


Dolmen in der Region Carnac.
© Bianka Kaspar
Dolmen in der Region Carnac.
La Trinité-sur-Mer


Stein und Wasser sind zwei der Elemente, die der Region ihr Gesicht geben. Nur wenige Fahrminuten von den rätselhaften Steinformationen entfernt, befindet sich an einer geschützten Flussmündung der Yachthafen von La Trinité-sur-Mer. Einst ein kleiner Fischerort gibt es heute Platz für 1.250 Boote – Segelyachten und Katamarane. Frankreichs Segellegende und ehemaliger Kapitän der französischen Marina Eric Tabarly begann an diesem Ort seine Karriere. Und so manch anderer Wassersportler rüstet sich hier für eine lange Reise über die Ozeane dieser Welt.

Etwa 8 Kilometer weiter südöstlich liegt wiederum das Tor zu einer besonderen Wasserwelt:


Der Golf von Morbihan – das kleine Meer

An der nur 1.000 Meter breiten Passage zwischen dem Binnenmeer und dem Atlantik erscheinen Strudel und eine starke Gezeitenströmung mit einer Geschwindigkeit von bis zu 4 Metern pro Sekunde wie eine mystische Schranke, die von geheimnisvollen Wasserwesen betrieben wird. Fast erwartet man das Auftauchen von Neptuns Gesandten, die von den zahlreichen passierenden Segelschiffen, Ausflugs- und Fischerbooten Wegzoll einfordern.
Vannes - die sehr interessante Hauptstadt <br> des Département Morbihan.
© Bianka Kaspar
Vannes - die sehr interessante Hauptstadt
des Département Morbihan.

Der Golf ist eine geschützte Salzwasserwelt, die bis zum Yachthafen von Vannes reicht, mit zahlreichen Inseln und noch mehr Booten sowie einer reichen Flora und Fauna.

Die beiden größten Inseln – die île aux Moines und die île d’Arz – lassen sich auch ohne eigenen schwimmfähigen Untersatz gut auf einer Ganz- oder Halbtagesrundfahrt besuchen, die u.a. in Locmariaquer startet – unweit von dem Ort, wo mit dem umgestürzten „Grand Menhir Brisé“ von etwa 4.500 v. Chr. mit ursprünglich ca. 21 Metern Höhe der Größte bekannte seiner Art liegt.

Von Bord wandert der Blick auf Wälder, Strände, kleine Häfen und schöne Häuser, wie auch – damit nicht in Vergessenheit gerät, wo man sich gerade befindet – auf einen Halbkreis von unterschiedlich großen Menhiren direkt am Ufer. Der größte dient hier ganz ‘respektlos‘ einer Möwe als Aussichtspunkt über den Golf.

Bei der Rückkehr gibt die Ebbe den Blick auf zahlreiche Austernbänke frei. Nach wie vor ein wichtiger Industriezweig der Region.


Côte Sauvage – Die wilde Küste

Wer es etwas weniger sanft bevorzugt, dem sei die Westküste der dem Golf von Morbihan vorgelagerte Halbinsel Quiberon empfohlen. Hier prallt der Atlantik auf diese natürliche Barriere. Ein Wanderweg führt circa 8 Kilometer an der zerklüfteten Steilküste entlang, die nur ein paar wenige Male von goldfarbenen Sandstränden unterbrochen ist. Baden wegen gefährlicher Strömungen ganzjährig verboten, ist dies das Reich der Wellenreiter.

Die Côte Sauvage.
© Bianka Kaspar
Die Côte Sauvage.

Im Süden der 14 Kilometer langen Halbinsel, auf einer Landzunge kurz vor der gleichnamigen Kleinstadt Quiberon, erhebt sich einer Fata Morgana gleich einsam über dem Meer das Château Turpault. Das 1904 erbaute Herrenhaus erscheint so sehr aus einer anderen Zeit, dass es nicht verwundern würde, wenn plötzlich Rapunzel von einem der Türme ihr Haar herunterließe. Und eines hat das Schloss tatsächlich mit Rapunzel gemeinsam: Es empfängt keine Besucher. Da es sich in Privatbesitz befindet, sind Schloss und Garten nicht zu besichtigen.

Hier endet die wilde Küste und so überrascht das Seebad Quiberon nicht nur mit einem im Ort stehenden Leuchtturm, sondern auch mit einem breiten Sandstrand. Einst von einer Dünenlandschaft und wenigen Häusern umgeben, erleichterte 1882 die neu fertiggestellte Eisenbahnverbindung den Zugang. Am (Strand-)Boulevard Chanard sieht man daher nicht nur diverse belebte Café-/Restaurant-Terrassen und flanierende Touristen, sondern auch noch einige schöne Villen aus dem 19. Jahrhundert, die sich Seidenfabrikanten aus Lyon hatten erbauen lassen. Die berühmte französische Schauspielerin Sarah Bernardt kam 1893 zum ersten Mal hierher.

Den Reiz der Halbinsel macht ihre Unterschiedlichkeit aus. Tobt an der Westküste der Atlantik, so ist die See an der überwiegend von Stränden eingesäumten Ostküste ruhig. Zudem ist Quiberon Ausganspunkt für Bootstouren zur südlich gelegenen Belle-île-en-Mer, die von den Briten 1763 gegen Menorca eingetauscht wurde.


Langer Sandstrand an der Südseite der Halbinsel de Rhuys.
© Bianka Kaspar
Langer Sandstrand an der Südseite der Halbinsel de Rhuys.


In hochherrschaftlichen Mauern

Wer schon immer einmal Burgfräulein oder Edelmann in historischen Mauern sein wollte, der ist im Château de Suscinio auf der Halbinsel de Rhuys zwischen dem Golf von Morbihan und dem Atlantik richtig.
Zwei der Wehrtürme des Château de Suscinio.
© Bianka Kaspar
Zwei der Wehrtürme des Château de Suscinio.
Die von einem Wassergraben umfasste Burganlage der bretonischen Herzogsfamilie aus dem 13.-15. Jahrhundert war ursprünglich ein von Moor und Wald umgebenes Jagdschloss – wovon noch die beiden in Stein geschnitzten Hirsche über dem Eingangstor zeugen –, bevor es zur Festung ausgebaut wurde. Auf dem Rundgang über drei Etagen findet man sich nach einer kleinen Ausstellung von originalgetreuen Gewändern in der Schlafkammer der Herzogin plötzlich von Kleiderständern umgeben – Anprobe gestattet!
Ein Höhepunkt bietet sich zudem kurz vor Ende des Rundgangs in Form des 60 Meter langen äußeren Wehrgangs zwischen zwei Türmen des Ost- und Westflügels, der eine großartige Aussicht von diesem „Ort über den Sümpfen“ auf die umliegende Landschaft eröffnet.

Östlich des Ortszentrums von Erdeven bieten sich zwei weitere Gelegenheiten, ein wenig geschichtliches Flair zu erleben:
Im Herrenhaus von Kercadio aus dem 18. Jahrhundert mit einem Turm noch aus dem 15. Jahrhundert, das von einem schönen Garten umgeben ist, befindet sich eine Crêperie. Verschiedenste süße und pikante Varianten von Crêpes/Galettes werden in einem der Säle serviert, der mit dunklen Holzvertäfelungen an den Wänden, zwei offenen Kaminen und hohen Fenstern mit Blick in den Garten, die Phantasie anregt. Fast erwartet man, dass sich das eiserne Tor in der Gartenmauer öffnen möge, um eine Pferdekutsche mit auf dem Schotterweg knarzenden Rädern hereinzulassen.
Sozusagen gleich um die Ecke, liegt das Château de Keraveon ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert – umgeben von einem Wassergraben und einem öffentlichen Park mit Wald und blühenden Wiesen. Hier kann man sich sogar einmieten, da es zu einem Hotel umfunktioniert wurde.


Château de Keraveon
© Bianka Kaspar
Château de Keraveon


Herber Charme


Charmant wie die Franzosen und doch auch mit  einem gewissen Maß an Unnahbarkeit präsentieren sich die Städte und Dörfer dieser Region.
Rochefort-en-Terre
© Bianka Kaspar
Rochefort-en-Terre
Mit gewaltigen Stadtmauern wie zum Beispiel in Vannes, der geschichtsträchtigen Hauptstadt des Morbihan oder in Concarneau, weiter nördlich im Südlichen Finistère. Oder das mittelalterlich anmutende Rochefort-en-Terre, das seinen Fachwerkhäusern und den Granit- und Schieferfassaden der Gebäude aus dem 16. und 17. Jahrhundert u.a. mit phantasievollen Zunftschildern und prächtigem Blumenschmuck ein freundliches Gesicht verleiht.
Pont-Aven inspirierte mit seiner Lage am Fluss Aven, den blumengeschmückten Brücken, seinen Mühlen und dem geschäftigen Treiben als Hafenstadt bereits den Maler Paul Gauguin.
Frankreichs zweitwichtigster Wallfahrtsort nach Lourdes ist Sainte-Anne-d’Auray mit einer imposanten Basilika aus dem Jahr 1872 umgeben von blühenden Gärten. Papst Johannes Paul II. hielt in dem Heiligtum circa 16 Kilometer nord-westlich von Vannes 1996 als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche eine Messe vor weit über 100.000 Menschen ab.
Einen Besuch wert ist auch die bezaubernde kleine île de Saint-Cado im Fluß Etel gelegen. Über eine – der Legende nach vom Teufel erbauten - Brücke zugänglich, befinden sich dort nur ein paar wenige hübsche Häuser, bunte Boote und eine romanische Kapelle.

Die südliche Bretagne hat viele Gesichter von wild-romantisch bis geheimnisvoll und sanft. Sie zu entdecken, ist Herausforderung und Freude zugleich.
Und so sagen wir heute nicht „Adieu“, sondern auf Wiedersehen oder „Kenavo!“, wie es auf bretonisch heißt.


Die île de Saint-Cado nördlich von Erdeven.
© Bianka Kaspar
Die île de Saint-Cado nördlich von Erdeven.


© Bianka Kaspar
2013



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