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Die Niagara-Fälle – Ein Erlebnis für alle Sinne

Knapp 1,5 Auto-Stunden südöstlich von Toronto, Kanadas größter Metropole und Hauptstadt der Provinz Ontario, befindet sich ein grandioses Naturschauspiel. Benannt von den Indianern/“First Nations“ und berühmt geworden durch Marilyn Monroe im gleichnamigen Thriller von 1953, der auch sie endgültig zum Star machte.



Toronto am Ontariosee <br>ist mit 2,6 Millionen Einwohnern <br>Kanadas größte Stadt.
© Bianka Kaspar
Toronto am Ontariosee
ist mit 2,6 Millionen Einwohnern
Kanadas größte Stadt.
Der Abschied vom an Sehenswürdigkeiten und Kultur reichen Toronto fällt etwas leichter mit dem Ziel Niagara-Fälle vor Augen. Hat man die bis zu sieben Fahrspuren umfassenden Stadtautobahnen erfolgreich hinter sich gelassen, führt der “Queen Elizabeth Way“ bis wenige Kilometer vor die Fälle. Ein Flecken Erde, an dem es einiges zu entdecken gibt.


Naturschauspiel – Touristenattraktion – Energieträger

Rund 100 Meter Gefälle liegen zwischen dem Lake Erie und dem Lake Ontario während des 58 Kilometer langen Weges des Niagara River. Die Hälfte davon direkt an den weltberühmten Wasserfällen bei der gleichnamigen ‘Schwesterstadt‘ an der kanadisch-amerikanischen Grenze. Direkt unter den Fällen befindet sich mit 52 Metern die tiefste Stelle des Flusses, die in etwa der Höhe der kanadischen “Horseshoe Falls“ (57 Meter) entspricht. Mit bis zu 110 km/h donnern die Wassermassen über den Abgrund in die Tiefe. In Spitzenzeiten strömen rund 170.000 Kubikmeter pro Minute über den 930 Meter weiten Felsrand der kanadischen und amerikanischen Fälle, wobei der kanadische Anteil 670 Meter ausmacht. Angesichts dieser Zahlen verwundert es nicht, dass die Erosion die Fälle in den vergangenen 12.500 Jahren über 11 Kilometer hat zurückweichen lassen.
Doch Statistiken können nur annähernd das Erleben vor Ort erahnen lassen. Wenn man lediglich durch eine Brüstung von den Fällen getrennt neben dem Abgrund steht und angesichts dieser unglaublichen Urgewalt widerspruchslos der Natur die Herrschaft über diesen Teil der Erde überlässt. Die Fluten, die aus dem tiefen Dunkel des Flusses plötzlich ihre Farbe in helles Smaragd-grün mit weißen Schaumkronen verwandeln. Der Wind, der einem die Gischt entgegenweht, um sie als weiße Wolkensäule mehrere Hundert Meter in den Himmel aufsteigen zu lassen. Ein weithin sichtbarer ‘Wegweiser‘ zu den Fällen. Nicht zuletzt das wütende Donnern eines Flusses, der aus dem größten Süßwasser-System der Welt – den “Great Lakes“ – gespeist wird. Die riesigen meergleichen Seen (Superior, Michigan, Huron, Erie und Ontario) vereinen rund 20% des Süßwasser-Aufkommens der Welt und könnten ganz Nordamerika 3,5 Meter tief unter Wasser setzen. Ein Vermächtnis der letzten Eiszeit.


Nur einen Hauch entfernt von den mächtigen Fällen, <br>auf die einst schon Marilyn Monroe blickte.
© Bianka Kaspar
Nur einen Hauch entfernt von den mächtigen Fällen,
auf die einst schon Marilyn Monroe blickte.


Der Niagara River sorgt mit seinen Fällen nicht nur dafür, das jedes Jahr rund 12 Mio. Touristen in die Region kommen, sondern ‘betätigt‘ sich zusätzlich in der Nacht – wenn die Tagesbesucher schon längst wieder nach Hause zurückgekehrt sind – als Stromproduzent. Ein Viertel des Strombedarfs von Ontario und New York State wird durch das Ableiten von max. 50% des Wassers des Niagara Rivers in mehreren Kraftwerken erzeugt. Positiver Nebeneffekt ist eine deutlich reduzierte Erosion. Würde das komplette Wasser ungehindert  fließen, ist die Annahme, dass der Fluss um fünf Meter ansteigen würde.


Vorne links die kleineren amerikanischen Fälle, <br>im Hintergrund die kanadischen “Horseshoe Falls“
© Bianka Kaspar
Vorne links die kleineren amerikanischen Fälle,
im Hintergrund die kanadischen “Horseshoe Falls“


Hinter, neben und über den Fällen

Von wo aus möchten Sie die Fälle gerne betrachten?
Sowohl die kanadische, wie auch die amerikanische Seite bieten Möglichkeiten, ganz nah an das Naturschauspiel heranzukommen. Wer nicht unbedingt viel sehen, aber sich umso mehr der Macht der Natur hingeben möchte, dem bieten sich Bootstouren bis zum Fuße der Fälle an. An Land direkt neben die Fälle - mit ähnlichem ‘Nass- und Wind-Effekt‘ – führen die “Cave of the Winds“ (USA) und die “Journey behind the Falls“ (Kanada) mit zwei verglasten Gucklöchern hinter den Fällen.


Ganz nah neben den Fällen: <br>die Aussichtsterrasse der “Journey behind the Falls“
© Bianka Kaspar
Ganz nah neben den Fällen:
die Aussichtsterrasse der “Journey behind the Falls“


Trockenen Fußes und auch für reguläre Nicht-Unterwasser-Kameras geeignet bringt der Skylon Tower seine Besucher in drei Außenliften in 52 Sekunden zu einer Aussichtsplattform 236 Meter über dem Grund der Fälle. Alternativ gibt es eine 662-Stufen-Treppe. Vom in den 1960er-Jahren erbauten und 7 Millionen Dollar teuren Turm lässt sich nicht nur die gesamte Niagara-Region aus der Vogelperspektive betrachten, sondern bei klarem Wetter sowohl die Skyline von Toronto, wie auch vom amerikanischen Buffalo. Auf einem Hügel wurde das 160 Meter hohe Gebäude errichtet. Es soll Stürmen mit bis zu 177 Stundenkilometern standhalten.
Noch nicht hoch genug? Dann bleibt nur noch ein Rundflug mit dem Hubschrauber, der in der Hochsaison ganz in der Nähe im 15-Minuten-Takt abhebt.


Die Stromschnellen beim “White Water Walk“
© Bianka Kaspar
Die Stromschnellen beim “White Water Walk“


White Water Walk – Mit dem Lift zu den Stromschnellen

Vom Niagara Parkway aus, der Straße, die parallel zum Niagara River und somit auch zur Grenze zwischen Kanada und den USA verläuft, lässt sich kaum erahnen, was sich tief unten in der Schlucht abspielt.
Im Fels geht es 70 Meter mit dem Aufzug hinunter in den Schlund der Erde. Ein ebenso langer Tunnel entlässt einen dann wieder im Angesicht tosender Wassermasse ans Tageslicht.
Viele Millionen Liter Wasser kämpfen an einer beengten Stelle wie ein Heer unsichtbarer Fabelwesen darum, sich als Erste ihren Weg nach Norden zu ihrem nächsten Ziel, dem Ontariosee, zu bahnen. Dies hat zur Folge, dass hier auf einer Länge von vier Kilometern Stromschnellen der höchsten Klassifizierungsstufe 6 toben. Sprich, zum Befahren nicht geeignet! Oder mit dem Titel eines weiteren Marilyn-Monroe-Films: Ein “River of no return“!


© Bianka Kaspar


Ein 325 Meter langer Holzsteg führt am Ufer entlang und bietet phantastische Ausblicke auf den sich aufbäumenden Fluss. Gerade die Fälle hinuntergestürzt rast das Wasser mit knapp 50 Stundenkilometern dahin, als wäre es auf der Flucht. Sprudelnde Strudel, weiße Schaumkronen, Treibgut, das auf kleine Felsinseln geworfen wird. Auch hier demonstriert die Natur auf beeindruckende Weise ihre unerschöpfliche Kraft.


Whirlpool Aero Car – Bei Höhenangst nicht geeignet.

Günstiger als ein Helikopter-Flug und dafür näher dran am natürlichen Whirlpool, der durch einen erzwungenen 90°-Richtungswechsel des Niagara River entsteht.
Auf einer Länge von 550 Metern schwebt die historische Seilbahn über die Schlucht. 35 Augenpaare wenden sich nach unten, wo das Wasser der Stromschnellen in wilden Wirbeln eine fast kreisförmige bis zu 38 Meter tiefe Bucht in den Stein gegraben hat. Etwa 10 Minuten dauert das Abenteuer, das sich zwischen zwei Stationen auf der kanadischen Seite des Flusses abspielt, sich jedoch auch über US-amerikanisches Staatsgebiet begibt und somit in Summe vier Mal die Grenze passiert – ganz ohne Passkontrolle. Also auch in dieser Hinsicht ein ziemlich einmaliges Erlebnis.


Mit der Seilbahn über die Stromschnellen.
© Bianka Kaspar
Mit der Seilbahn über die Stromschnellen.


Seit 1916 ist die Seilbahn, vom spanischen Ingenieur Leonardo Torres Quevedo entworfen – daher auch “Spanish Aero Car“ – in Betrieb. Ein großer roter überdachter Metallkorb, der an sechs Tragseilen hängt und von einem Zugseil bewegt wird und das seit nunmehr 100 Jahren. Ohne jegliche Zwischenfälle, wie der Guide gerne betont.
Da ab dem Zulauf zum Wirbelbecken die Stromschnellen ‘nur‘ noch der zweithöchsten Kategorie 5 entsprechen, gibt es “Jet Boat“-Touren vom weiteren Flussverlauf bis zur Bucht. Ein sehr ‘erfrischendes‘ und rasantes Erlebnis für diejenigen, die den Fluss hautnah erspüren möchten.


Niagara-on-the-Lake

Dort, wo der Niagara River sein Ziel den Ontario-See erreicht und gegenüber mit dem Old Fort Niagara auf der US-amerikanischen Seite eine historische Festungsanlage steht, befindet sich eine hübsche Kleinstadt, die von 1792-1812 Hauptstadt der Provinz Ontario war. Heute bekannt als Niagara-on-the-Lake trug sie zuvor die Namen Butlersburg, Newark und Niagara. Im Britisch-Amerikanischen Krieg ab 1812 wurde die Stadt von amerikanischen Soldaten niedergebrannt. Der britische Einfluss beim Wiederaufbau ist unübersehbar. Viktorianische Häuser machen viel vom Charme der Stadt aus. 2003 wurde Niagara-on-the-Lake aufgrund seiner über 90 historischen Gebäude aus der Zeit von 1815-1859, die nach einem Rasterplan aus dem späten 18. Jahrhundert an breiten baumgesäumten Straßen erbaut wurden, als “National Historic Site“ ausgewiesen. Lebendige Geschichte, die gepflegt wird und einen beim Anblick der vorbeifahrenden Pferdekutsche gerne mal für einen Moment vergessen lässt, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden.


Das “Prince of Wales“-Hotel aus dem Jahr 1864 <br>am Ende der Queen Street, <br>der Flaniermeile von Niagara-on-the-Lake
© Bianka Kaspar
Das “Prince of Wales“-Hotel aus dem Jahr 1864
am Ende der Queen Street,
der Flaniermeile von Niagara-on-the-Lake



Edle Tropfen aus Kanada

Bereits bei der Anreise am Lake Ontario entlang, tauchen einige Kilometer vor der Abzweigung von der Autobahn die ersten Weingüter auf. Ab dem halben Weg von den Fällen nach Niagara-on-the-Lake wird die Straße wiederum oftmals von Weinfeldern flankiert. Wer sich wundert, wie es sein kann, dass es in Kanada kommerziellen Weinanbau gibt, dem wird der Blick auf die Weltkarte die Antwort geben: die Niagara-Region liegt auf der Höhe des Bordeaux. Mit seinen heißen Sommern und einem langen Herbst, fruchtbaren Böden und ähnlichen klimatischen Bedingungen wie in den berühmten Weingegenden Burgund, Loire-Tal oder Neuseeland, ist die Region auch weintechnisch eine Erfolgs-Story.


Einige Weingüter sind für Besucher geöffnet <br>und bieten auch Weinproben an.
© Bianka Kaspar
Einige Weingüter sind für Besucher geöffnet
und bieten auch Weinproben an.


Seinen Anfang nahm das Kapitel Weinanbau in Ontario bereits 1811, als der Deutsche Johann Schiller die ersten Reben ca. 20 Kilometer westlich von Toronto pflanzte. Ontario ist heute die größte kanadische Weinregion mit drei Weinanbaugebieten, wovon die Niagara-Halbinsel eines ist. Die überwiegend im Familienbesitz befindlichen Weingüter, die oft generationenübergreifend geführt werden, produzieren vorwiegend Chardonnay, Riesling, Cabernet Franc und Pinot Noir.
Dank seiner warmen Sommer zum Reifen der Trauben und den konstanten und kalten, aber nicht zu kalten Wintern in manchen Regionen, hat sich Kanada zum Weltmarkt-Führer für Eiswein entwickelt. 90% der Produktion kommt hierbei aus Ontario. Die Reben müssen für diese Weinspezialität in gefrorenem Zustand – optimal bei einer Temperatur zwischen -10° und -12° C – geerntet  und sofort verarbeitet werden. Nach der Wachstumsperiode dehydrieren die Trauben während der winterlichen Temperaturen, was ein hohes Konzentrat an Zucker und Aromen zur Folge hat. Gleichzeitig wird für die gleiche Menge Eiswein rund das 6-fache an Trauben benötigt wie für einen regulären Tischwein. Dies schlägt sich natürlich auch im Preis nieder, der diese qualitativ hochwertigen Süßweine zu einem wahrhaft exquisiten Tropfen macht.


Ein Monarchfalter macht auf seinem Weg nach Mexiko <br>Station im “Queen Victoria Park“ unweit der Wasserfälle.
© Bianka Kaspar
Ein Monarchfalter macht auf seinem Weg nach Mexiko
Station im “Queen Victoria Park“ unweit der Wasserfälle.


Casino & Co.

Wer irgendwann genug der Naturerlebnisse hat, der kann in Gehdistanz zu den Niagara-Fällen sein Glück im Casino versuchen, Souvenirs und indianisches Kunsthandwerk erstehen, Riesenrad fahren, im Schatten von Dinosauriern Mini-Golf spielen und sich in einem ‘Ableger‘ so mancher Restaurant Kette – wie z.B. Hard Rock Café oder Rainforest Café – für neue Abenteuer stärken.


Die Niagara-Fälle – bei weitem nicht die höchsten, aber sicher die mächtigsten Wasserfälle Nordamerikas - sind ein Erlebnis, das alle Sinne anspricht und dem man sich daher länger widmen sollte als nur einen Tagesausflug lang.
Das Beruhigende an solchen Natur-Schönheiten ist, dass sie – egal, was sich um sie herum verändern wird – auch in 50 oder 100 Jahren nichts von ihrer Magie verlieren werden. Ihre Kraft und Ursprünglichkeit werden bleiben.


© Bianka Kaspar
2016


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