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Mangroven – Bollwerk gegen Naturgewalten

– Ein Gastbeitrag des Global Nature Fund –


Thies Geertz, Mitarbeiter des GNF, leitet ein Projekt zum Schutz der Mangrovenwälder in Indien. Die Folgen des Klimawandels, den vor allem die Industrienationen des Nordens verantworten, sind hier bereits spürbar.


© Global Nature Fund
»Der Meeresspiegel steigt und Wetterextreme treffen die Natur und die Menschen, die im größten Flussdelta der Erde leben, mittlerweile häufiger und intensiver. Mein Reiseziel sind die Sundarbans in der Mündungszone des Ganges, im Grenzgebiet zwischen Indien und Bangladesch. Unzählige Flussarme zerschneiden die Sumpflandschaft, die Grenze zwischen Land und Wasser verschwimmt. Der Wechsel der Gezeiten legt ausgedehnte Schlammbänke frei, auf denen sich bis zu sechs Meter große Salzwasserkrokodile sonnen.
Hier wachsen die größten Mangrovenwälder der Erde. Die Baumarten, die an den tropischen Küsten solche Wälder bilden, sind an den täglichen Wechsel zwischen Ebbe und Flut angepasst und gedeihen im Brackwasser. Mit ihrem verzweigten Wurzelsystem halten sie den Boden fest und haben eine enorme Bedeutung für die Biologische Vielfalt. Zwischen ihren Wurzeln befindet sich die Kinderstube zahlloser Fischarten. Krebse und Garnelen finden hier Zuflucht vor Fressfeinden. Damit bilden die Mangroven die Lebensgrundlage für Millionen von Fischern, welche die Sundarbans seit Jahrhunderten besiedeln. Darüber hinaus formen die Mangrovenwälder einen natürlichen Schutzwall gegen Wirbelstürme und speichern mehr Kohlendioxid pro Hektar als tropischer Regenwald. Doch in den Randbereichen der Sundarbans haben die Menschen die Mangrovenwälder schon stark zerstört, vor allem um Brennholz und Baumaterial zu gewinnen.


Ohne intakte Mangrovenwälder ist die Küste ungeschützt. <br>Tropische Wirbelstürme sind dann eine große Gefahr <br>für die Menschen, ihre Dörfer und Felder.
© Global Nature Fund
Ohne intakte Mangrovenwälder ist die Küste ungeschützt.
Tropische Wirbelstürme sind dann eine große Gefahr
für die Menschen, ihre Dörfer und Felder.


Ein tragischer Einschnitt: der Wirbelsturm Aila

Ajanta Dey von der GNF-Partnerorganisation NEWS (Nature Environment and Wildlife Society) führt mich durch das kleine Dorf Pakhiralay am nördlichen Rand der Sundarbans. Hier gibt es keine Autos, das Dorf ist vom Festland nur mit dem Boot zu erreichen. Die Einwohner haben ihre kleinen Felder auf Höhe der Hochwassermarke angelegt und bestellen diese mit Gemüse, Kartoffeln und Reis. Vor den Gezeiten geschützt wird das Dorf nur durch provisorisch anmutende Dämme, die aus Ziegelsteinen und Lehm erbaut wurden und ständig ausgebessert werden müssen. Nahezu alle Einwohner leben von Selbstversorger-Landwirtschaft. Einzig die Fischer verdienen etwas Geld mit dem Garnelenfang, denn diese können auf den Märkten der etwa drei Autostunden entfernten Millionenstadt Kalkutta verkauft werden.


Gemüse, Kartoffeln und Reis bilden oft <br>die einzige Quelle für ein kleines Einkommen.
© Global Nature Fund
Gemüse, Kartoffeln und Reis bilden oft
die einzige Quelle für ein kleines Einkommen.


„Der Zyklon Aila hat 2009 die Sundarbans besonders hart getroffen.“, berichtet Ajanta Dey. Damals schob der tropische Wirbelsturm eine Flutwelle vom Indischen Ozean vor sich her in die Sundarbans. Die Dämme aus Ziegelsteinen und Lehm brachen und die Felder der Kleinbauern wurden mit Salzwasser überschwemmt, die Ernte vernichtet. Etwa 150.000 Menschen wurden allein in Indien obdachlos.


„Aila hat das Bewusstsein der Menschen an den Küsten stark verändert. <br>Sie haben auf einmal verstanden, dass intakte Mangrovenwälder <br>sie vor Sturmfluten schützen.“ - Ajanta Dey
© Global Nature Fund
„Aila hat das Bewusstsein der Menschen an den Küsten stark verändert.
Sie haben auf einmal verstanden, dass intakte Mangrovenwälder
sie vor Sturmfluten schützen.“ - Ajanta Dey


Drei Euro am Tag

Wir fahren mit dem Boot weiter in das Innere der Sundarbans. In einem abgelegenen Dorf hören wir von Weitem einen merkwürdigen, tiefen Ton. Die Bewohner haben unsere Ankunft früh bemerkt und begrüßen uns ganz traditionell mit dem Blasen von Muschelhörnern. Im Dorf hat unsere Partnerorganisation NEWS eine Mangroven-Baumschule angelegt. Die Frauen des Dorfes pflanzen die Mangroven-Setzlinge selbst aus. „Die Mangroven sichern unseren Lebensunterhalt. Wir haben nie etwas anderes als die Fischerei gelernt.“, berichtet Niharika, die bei den Pflanzarbeiten hilft. Mit der Garnelenfischerei verdienen die Frauen 200 Rupien pro Tag, etwa drei Euro. „Wir treten dafür ein, dass die Mangroven erhalten bleiben und unser Dorf vor Sturmfluten schützen.“, fügt die Fischerin hinzu. Die Frauen betrachten die eigenhändig herangezogenen Gehölze als ihre Schützlinge. Die gesamte Dorfgemeinschaft sorgt dafür, dass Fremde keine Bäume fällen, um das Holz mitzunehmen. Das war früher anders.


Die Fischerin Niharika zeigt selbst gezogene Mangroven-Setzlinge. <br>Die Frauen schützen so nicht nur ihren eigenen Lebensraum, <br>sondern helfen damit auch, die Artenvielfalt der Mangrovenwälder <br>zu bewahren.
© Global Nature Fund
Die Fischerin Niharika zeigt selbst gezogene Mangroven-Setzlinge.
Die Frauen schützen so nicht nur ihren eigenen Lebensraum,
sondern helfen damit auch, die Artenvielfalt der Mangrovenwälder
zu bewahren.


Klimaschutz ist unverzichtbar

Auf meiner Reise habe ich gesehen, in welch einem fragilen Gleichgewicht die Menschen mit den Naturgewalten leben. Der Klimawandel bedroht hunderte Millionen Existenzen an den Küsten im globalen Süden. Deshalb muss alles unternommen werden, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren und die Folgen des Klimawandels zu bewältigen. Mit dem Mangroven-Renaturierungsprojekt leisten wir einen Beitrag dazu.«


Thies Geertz, Leiter des Mangroven-Schutzprojektes, <br>mit Fischerinnen in Indien
© Global Nature Fund
Thies Geertz, Leiter des Mangroven-Schutzprojektes,
mit Fischerinnen in Indien


© Global Nature Fund (GNF), Thies Geertz


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